Kathrins Notiz-Blog 27. August 11

© Illustration Liane Heinze

Erst als der Zug die Felswände vor Verviers passiert, rufe ich Leon an. Seine Überraschung klingt hell und weich, wehrlos glücklich.

Ich entdeckte ihn sofort, noch bevor der Zug hält. Er sitzt in einem weißen Leinenhemd in der Abendsonne auf dem Treppengeländer. Seine Locken fliegen im Wind des einfahrenden Zuges. Als wir aufeinander zugehen, scheint es mir, als sei mindestens ein Jahr vergangen, soviel ist geschehen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Dabei ist es erst eine Woche her.

Aber in den letzten Tagen haben wir nicht miteinander telefoniert. Leon wollte sein Telefon am Wochenende ausschalten, um einmal in Ruhe über sein Leben nachzudenken. Zuerst hatte ich ihm nicht geglaubt und seinen Rückzug auf mich und Kolja bezogen. Vielleicht weiß oder ahnt er etwas?

Als wir uns in die Arme fallen, Leon meine Hand nimmt und mich hinter sich her aus dem Bahnhofsgewimmel zieht, weiß ich, dass es Unsinn ist. Das nachdenkliche Wochenende hat ihm gut getan. Er sieht aus wie ein Urlauber. „Beinahe hätte ich dich gestört“, sage ich. „Meine Sehnsucht war so groß. Ich wollte schon vorgestern in den Zug steigen.“

„Warum hast du es nicht getan? So muss es sein, so spontan müssen wir miteinander umgehen können“, sagt Leon.

„Ich wollte dich nicht stören. Ich fand gut, dass du nachdenken willst.“

Ich kann nicht aufhören, ihn zu küssen, sein Haar  zu streicheln, ihn nach dieser gefühlten Trennung von einem Jahr immer wieder anzuschauen. „Was ist?“, flüstert er immer wieder. „Es ist gut, sich manchmal loszulassen“, sage ich.

Wir gehen wieder in das kleine Frittenbistro vom letzten Mal. Als wir uns an einem der marokkanisch gesteinelten Tische gegenüber sitzen, sagt Leon: „Es ändert sich gerade sehr viel.“ Ich spüre einen Anflug von Panik in meiner Kehle aufsteigen. „Was denn?“

„Schau dir die Nachrichten an“, sagt Leon. „Man sollte jetzt aufs Land gehen. Mir ist klar geworden, dass ich viele Dinge überhaupt nicht brauche.“ Er blickt durch mich hindurch. Seine äußeren Augenwinkel sind ein Stück tiefer gesackt, vorbei der frische Eindruck, den er eben noch machte. „Ich habe beschlossen, anders zu leben“, sagt er, aber es klingt kitschig, irgendwie falsch.

Durch die geöffnete Tür strömt kühle Abendluft. Mich fröstelt. Als ich mich zum Boulevard wende, auf den schon wieder der Regen prasselt, fällt mein Blick auf eine rot ausgeleuchtete Bühne auf der anderen Straßenseite. Der leuchtende Kasten schwebt wie losgelöst über den Autodächern und Köpfen der Leute. Es ist ein surreales Bild. Ein übergewichtiger Sänger sitzt reglos darinnen auf einem Barhocker. Er hält eine Gitarre auf seinem Schoß. Von hier drüben sieht er unglücklich aus. Jetzt entdecke ich, dass sich die Bühne im Hänger eines Trucks befindet, der in der kleinen, steilen Seitenstraße geparkt ist, die direkt gegenüber dem Bistro vom Boulevard abzweigt.

Ohne ein Wort zu wechseln, verständigen wir uns darüber, dass wir dort hin müssen. Unsere Pommes nehmen wir mit. Die Stuhlreihen sind ungefähr zur Hälfte besetzt. Die Zuschauer haben ihre Regenschirme aufgespannt. Einige Leute stehen unter einem Ahornbaum, Einwohner aus den Häusern nebenan, eine rundliche Frau in Pantoffeln hält ihr Kind im Schlafanzug auf dem Arm. Der Sänger drückt einen Knopf und der Konserven-Klang eines Sinfonieorchesters füllt den roten Bühnenwagen. Er schlägt dazu die Gitarre an und singt ein wehmütiges Lied vom Ende einer Liebe.

„Wie möchtest du leben?“, flüstere ich.

„Freier, unbefangener, ich möchte aufhören, mir jeden Tag Gedanken über meine Zukunft zu machen. Ich muss wieder Musik machen, ein Zuhause finden.“

Das zweite Lied ist temperamentvoller, aber ich fühle mich schwerer und schwerer werden. Das Elend des Sängers, der einmal jung war und schön und viele Frauen liebte, liegt  schwer auf meinen Schultern, das Elend der Frau in den Pantoffeln, Leons Elend, der nicht glücklich werden kann und mein eigenes Elend, einen Mann anheben zu wollen, der in Ketten geht. Ich muss mich setzen.

Nach zwei weiteren Songs knautschen wir unsere Pommes-Papp-Teller in den nächsten Abfalleimer und laufen den Boulevard hinab zum Hotel. Leon sagt, dass er bald mit Jan aus Amsterdam in Amerika auf Einkaufstour für den Webshop gehen möchte.

In dieser fremden Straße ist Leon mir fremd und auch ich selbst bin mir plötzlich so fremd, dass alle Gedanken, die ich mir über uns gemacht habe, zwecklos, völlig ohne Sinn scheinen, lächerlich. Selbst wenn Leon von Kolja wüsste, wäre es ihm gleich.

Unter der heißen Dusche wärmen sich meine Gedanken allmählich wieder auf. Ich denke an die Karl-Marx-Allee und an Synne, den ich nächste Woche treffen werde, um ihm meine Entwürfe vorzustellen.

„Du freust dich gar nicht“, sage ich, als Leon zu mir in die Dusche schlüpft.

„Doch“, sagt er. „Es wird gehen“, sagt er. „Wir müssen aufhören, uns fertig zu machen.“

„Ich mache dich fertig?“

„Aber nein.“

„He, geh ein Stück zur Seite bitte!“ Ich drängele mich unter das heiße Wasser. „Wer oder was macht dich fertig?“ Ich stelle das Wasser noch ein paar Grad heißer.

„Dieses Leben, verstehst du! Diese Unruhe“, sagt Leon.“Das Umherziehen, nur, um überleben zu können.“

Ich nehme in in die Arme, lehne meine Stirn gegen ihn, so dass die Wasserstrahlen, die von Leons Brust springen, in mein rechtes Ohr brodeln.

„Lass uns diesen Moment genießen.“ Ich lasse mich dahin rutschen, wo seine Schenkel sich unter seinen Leisten hervor wölben, die Stelle seines Körpers, die ich am liebsten mag. Ich nuckele wie ein Baby an dem Tier, das langsam aus seiner Höhle kriecht, angelockt von meiner Zärtlichkeit. Durch den Regen höre ich Leons Erregung, spüre sie in seinen Händen an meinem Gesicht und dann kommt sein Sperma, das salzig und ein bisschen nach Metall schmeckt.

Im Bett teilen wir uns ein Glas Wein, reden wenig, während der Fernseher läuft. Leon drückt die Fernbedienung hin und her. Rauschen. Reden. Plärrende Werbung. Comedylachen. Ich schlafe an seinem Schlüsselbein ein.

Schon am nächsten Morgen streiten wir beim Frühstück. Leon möchte, dass wir nach Verviers ziehen. Ich kann diese Idee nicht ernst nehmen. Ich glaube, dass er einfach nur streiten will.

„Das sagst du doch nur, um mich los zu werden!  Hast du einen Automatismus eingebaut, der jede Frau nach ungefähr zwei Jahren abstößt. Tut es dir weh, wenn es länger dauert? Du kannst doch nicht ernsthaft erwägen, eine Stadt wie Berlin zu verlassen, um in einem Nest wie diesem zu leben.“

„Berlin ist zu kalt, zu laut und zu schmutzig. Die Deutschen nerven mich mit ihren dicken Autos und Lebensversicherungen und ihrer politischen Ignoranz.“

„Wo soll ich denn hier studieren?“

„Es sind nur dreißig Kilometer bis zur nächsten Universität. Man ist ganz schnell mit dem Zug dort.“

Ich werfe fast den Tisch um, als ich aufstehe. „Gib mir den Zimmerschlüssel! – Außerdem: Gibt es hier eine Assamblea?“

„Es gibt überall eine“, sagt Leon.

„Hast du sie gesehen? Wo treffen sie sich?“

„Das kann man ganz einfach rauskriegen“, sagt er. „Sicher vor dem Rathaus.“

„Du weißt es nicht. Seit Wochen hängst du fast nur noch in diesem gottverlassenen Nest rum und weißt noch nicht einmal, ob es eine Assamblea gibt. Was bist du für ein Ignorant!“

Leon sieht sich um. Meine Lautstärke ist ihm peinlich. Obwohl er selbst ein Provokateur ist. „Ich komme mit rauf.“

„Ich fahre sofort nach Hause“, sage ich.

„Wieso bin ich der einzige, der seinen Arsch für uns bewegt?“, zischt Leon, als wir vor dem Aufzug stehen.

Der Aufzug kommt. Für die kurze Zeit der Gefangenschaft schweigen wir. Innerhalb weniger Sekunden habe ich meine Sachen eingesammelt und in die Umhängetasche gestopft. „Ich werde nie wieder Geld dafür ausgeben, in dieses Kaff zu reisen.“

Ich renne nach draußen, laufe durch die kleinen Straßen zum Bahnhof. Es ist schwülwarm ohne einen Strahl Sonne. Leon läuft mir nach. „Hau ab!“ Ich werfe meine Tasche nach ihm. „Ich rufe sonst die Polizei.“

Er grinst. „Ja, rufe die Polizei.“ Er kommt näher.

„Rühr mich nicht an! Wenn du mich anfasst, rufe ich die Polizei.“

Leon bleibt vor mir stehen. Seine Arme hängen. „Ich möchte dir etwas erklären.“

„Nicht nötig. Es ist Schluss“, rufe ich. Ich beginne zu rennen. Als ich japsend auf dem Bahnsteig ankomme, ist Leon immer noch hinter mir.

„Wenn du nicht sofort gehst, rufe ich die Polizei.“

Zitternd wühle ich mein Handy aus der Tasche, aber ich kenne nur die deutsche Nummer. Jemand meldet sich. „Ich werde von einem Mann belästigt“, sage ich. „Wo?“ fragt der Beamte. „In Verviers, das ist in Belgien“, sage ich. „Ich weiß, es ist nicht ihr Revier.“ Ich registriere Leons verunsicherten Blick, als er sich umdreht und geht.

Ich falle erschöpft auf eine Bank. Ich falle aus der Zeit. Als ich in Berlin aus dem Zug steige, fühle ich mich benommen und seltsam euphorisch, weil ich wieder frei bin. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich auf dem Bahnsteig in Verviers gesessen habe. Ich muss nach dem Fahrplan geschaut und etwas zu essen gekauft haben. Ich erinnere mich, dass ich im Zug gegessen habe, aber sonst weiß ich nichts mehr, außer, dass graue, belgische Felder am Fenster vorbei zogen, während ich aß und dass sie mir wie die Landschaft unserer Liebe vorkamen. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, in Brüssel umgestiegen zu sein.

In der Nacht ruft Leon an. „Wir sollten zusammen weg fahren, nur ein paar Tage. Ich lade dich ein!“

„Nein“, sage ich.

„Versprich mir nur eins“, bittet Leon. „Dass wir uns niemals im Stich lassen, auch wenn sich unsere Wege trennen.“ Ich verspreche es. Und dann weine ich eine ganze Nacht lang.

Kathrins Notiz-Blog 11. August 11

© Illustration Liane Heinze

Wir klettern über den Zaun eines Uferstegs, Kolja zuerst, dann ich. Der Westwind kräuselt den See. Niemand ist hier draußen, denn es war das übliche Regenwetter angekündigt, aber nun ist es plötzlich sonnig und warm. Wir legen uns bäuchlings auf die Planken. Kleine Wellen schwappen gegen den Steg. Ein Fischschwarm steht reglos im Flachwasser.

„Du hasst mich ein bisschen dafür, dass ich bei deiner Mutter war. Warum?“

Kolja wälzt sich auf den Rücken. Er stöhnt leise. „Ich wäre gern dabei gewesen. Ich hätte euch miteinander bekannt gemacht. Ich wusste nämlich, dass ihr euch verstehen würdet. Du bist mir einfach zuvor gekommen. Ich habe mich gefragt, was in dich gefahren ist, wieso du nicht warten kannst. Diese virile Energie, die du manchmal entwickelst, sie…“

„Virile Energie..?“

„…ja,ja, sie trifft einen völlig unvermittelt, man traut dir das nicht zu. Sie steht in krassem Widerspruch zu deinem sinnlichen, kontemplativen Blick und deiner Zurückhaltung.“

„Wow! Sag das bitte noch einmal: Sinnlicher, kontemplativer Blick! Meinst du das etwa ernst?“

„Wie kommst du darauf, dass ich irgendetwas ernst meine?“

„Entschuldige.“ Als ich meinen Arm aus dem Wasser nehme, um nach Kolja zu tasten, machen sich die Fische davon. „Ich bin einfach…andere nennen mich eine Träumerin. Aber viril? Manchmal fühle ich mich wie ein Mann, obwohl ich gar nicht weiß, wie ein Mann fühlt, ich meine nur: es ist mir nicht immer bewusst, dass ich eine Frau bin. Es ist quasi – nebensächlich. Aber ist das nicht sehr weiblich; Rat bei einer älteren Frau zu suchen? Ist das nicht urweiblich?“

„Frag mich nicht. Ich weiß nichts über Urweiber und wenig über Frauen, außer, dass ihr andere, schwer verständliche Wesen seid.

„Oje, die Beauvoir würde sich im Grabe herumdrehen.“

„Musste sie doch schon hundertmal, die Arme“, sagt Kolja. „Die weiß gar nicht mehr, wo oben und unten ist.“

„Ich weiß auch nicht mehr, wo oben und unten ist. Mir geht die Betonung der Unterschiede auf die Nerven“, sage ich. „Ich denke, die Übergänge zwischen Männern und Frauen sind fließend. Es gibt viele Geschlechter.“

Ich drehe mich auf den Rücken und sehe: am Himmel türmen sich mächtige Wolken. Der halbe Mond steht wie ein Lüftchen dazwischen.

„Vielleicht ist es sogar das Urweibliche, das ich viril genannt habe ? Keine Ahnung“, sagt Kolja.

„Interessante These. Vielleicht bist du nicht der einzige, der weiblich und männlich verwechselt. Können wir uns der Beauvoir zuliebe darauf einigen, dass es keinen Unterschied zwischen dem Urweibchen und dem Urmännchen gibt, dass sie die gleiche urmenschliche Energie in sich tragen?“

„Definitiv: Nein“, sagt Kolja. „Die Beauvoir in allen Ehren, aber in diesem Punkt hat sie sich geirrt. Das ist doch längst wissenschaftlich bewiesen, oder?“

„Glaub nicht“, sage ich.

„Ist doch egal“, sagt Kolja.

„Es lässt mir keine Ruhe“, sage ich. „Lieber Gott, lass mich nur für ein paar Tage ein Mann sein, um es herauszufinden.“

„Ein paar Tage reichen nicht. Du brauchst ein Leben dafür“, sagt Kolja. „Mit allem Drum und Dran, Kindergarten, Pubertät…“ Kolja stockt. Ich halte die Luft an. Er spricht es nicht aus. Aber Ella ist plötzlich da. Ich atme weiter, aber Ella bleibt. Sie lacht und greift nach ihren dicken Füßchen. Die Frage, ob Ella schon einmal gelacht hat, liegt mir ganz leicht auf der Zunge. Ich verschlucke sie.

„Findest du es nicht einengend, dass wir immer nur in der einen Person denken und fühlen können, in der Person, die wir sind? Wir können die Welt niemals so sehen wie unsere Eltern, weil wir ihre Erfahrungen nicht besitzen und von einem ganz anderen Zeitgeist geprägt sind. Wir können die Welt auch niemals mit den Augen unserer Kinder sehen. Ist das nicht eine fürchterliche Unfreiheit? Als Mann stecken wir in dem Mann fest und verstehen Frauen nicht. Als Frau stecken wir in der Frau fest.“

„Vielleicht würden wir feststellen, dass wir so verschieden gar nicht sind?“, sagt Kolja.

„Eben.“

„Ja, eben.“

„Wir führen ein Wintergespräch“, sagt Kolja.

„Es wurde gerade ein Sommergespräch daraus “, sage ich.

„Nicht wirklich“, sagt Kolja. „Das Thema bringt dich zu sehr auf.“

„Das kommt, weil der Sommer so verregnet ist“, sage ich.

Der Wind streicht kühl über die Haut, aber in den Bohlen summt die Wärme. Eine Libelle steht über uns, blickt und dreht ab. „Sonne und Wind auf der Haut, das ist besser als Sex“, sage ich. Kolja streckt seine Hand aus, aber der Abstand zwischen uns ist weit. Er erreicht nur meine Flanken. Er wälzt sich wieder auf den Bauch und rückt näher. Ohne die Augen zu öffnen, spüre ich sein Gesicht über meinem.

„Was steht heute da geschrieben?“, frage ich.

Er legt einen Finger auf meine Lippen. „Psst! Nichts, das Worte ausdrücken könnten“, flüstert er. Er möchte, dass wir zurück zum Haus gehen. Er drängelt.

Koljas Mutter ist übers Wochenende verreist. Ich frage nicht, was Kolja seiner Frau erzählt hat, wo er an diesem Samstag ist. Ich möchte, dass es mich nichts angeht.

Das Gras auf der Wiese vorm Haus steht so hoch, dass man sich darin verstecken kann. Winzige, grau gemusterte Grillen sitzen darin. Wir bereiten uns einen Platz im hohen Gras und ziehen uns nackt aus. Immer wieder wird die Sonne von Wolken verschleiert. Kolja ist ungeduldig. Er hält die Augen geschlossen, als ich auf ihm sitze. Sein Orgasmus kommt schnell. Er entschuldigt sich. Er springt auf und läuft nackt durch das Gras, er humpelt, er sagt, es sei psychisch bedingt. Er entschuldigt sich immer wieder. „Es ist doch nicht schlimm“, sage ich. „Es ist überhaupt kein Problem.“

Wir probieren es gleich noch einmal, aber plötzlich muss ich weinen. Zuerst weiß ich nicht, warum. Die Tränen laufen über mein Gesicht, während Kolja mich näher zu sich zieht. Sie füllen meine Ohren. Kolja beugt sich über mich und hält meinen Kopf. Er presst meinen Kopf an seine Brust und schaukelt mich wie ein Kind. Ella ist immer noch da, und plötzlich ist da auch Leon.

„Warte! Nein, warte nicht!“ Ich grabe mich frei, reiße meine Sachen unter Koljas Knien weg und flüchte zum See. Im Strandbad liegt eine Reihe hellblauer Boote, aber eigentlich möchte ich den nächsten Zug nehmen und zu Leon fahren. Leon ist mein Zuhause. Ich war mir noch nie so sicher wie jetzt. Ich mache kehrt und schreite auf den Ausgang des Bades zu. Am Ausgang bleibe ich stehen und blicke zurück auf die Boote. Ich gehe an die Kasse. „Eine Stunde bitte!“ Die Frau an der Kasse trägt sehr lange, diagonal gestreifte Fingernägel. Sie reicht mir ein kleines, grünes Billet.

Ich stecke das Billet in meine Turnschuhe, für den Fall, dass draußen ein Kontrolleur angerudert kommt und werfe die Turnschuhe in die Spitze des Bootes. Von der Mitte des Sees sieht das Ufer aus, als sei es dicht bewaldet. Der Wind hat die Baumwipfel in eine Richtung gekämmt. Ich fühle nichts außer der Sehnsucht nach Leon. Ich sollte bei ihm sein. Kolja sollte bei seiner Frau und bei Ella sein. Langsam treibt das Boot auf das schattige, grüne Ufer zu. Das macht mich wütend, denn ich will draußen bleiben, auf den Kräuselwellen in der Sonne. Warum ist immer alles so verkehrt, dass man schreien möchte? Als das Boot in den Uferschatten taucht, ruft Kolja an. „Ich habe Kaffee gemacht“, sagt er.

Ein Haubentaucher-Pärchen gleitet am Boot vorüber. Im Uferschatten rudere ich zurück zum Strandbad, renne zum Haus. Eine geblümte Kaffeekanne und geschwungene Sammeltassen mit Goldrändern stehen auf dem hölzernen Terrassentisch, ein bisschen wie Fremdkörper, denn Kolja hat keine Decke aufgelegt. „Wie geht’s?“ fragt Kolja, während er den Kaffee eingießt, wie man einen Gast fragt, der nach längerer Zeit mal wieder vorbei kommt. „Dass du Kaffee gekocht hast…“.

„Milch?“ fragt Kolja. Ich nicke. „Ja, bitte.“ Wir trinken den Kaffee wie ein Paar, das seit Jahren zusammen hier lebt.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand für mich Kaffee gekocht hat“, sage ich. „Ich meine, damals bei euch im Büro schon, aber das war auf eine andere Weise, jemand hat eben für alle, die da waren, Kaffee gekocht, aber du hast für mich Kaffee gekocht, während ich draußen auf dem See war. Du hast Kaffee gekocht, DAMIT ich komme. Sonst ist es anders herum: Man ist zuerst da und dann wird Kaffee gekocht. Weil man da ist. Du hast mich EINGELADEN. Ja, so heißt das. Komisches Wort, klingt nach einer Tramptour.“

„Kuchen habe ich leider nicht“, sagt Kolja.

„Ich möchte gar keinen“, sage ich.

„Hat dich schon einmal jemand zu sich nach Hause zum Kaffee EINGELADEN, dich ganz allein, ich rede nicht von den üblichen Massen-Partys und – Brunchs, und auch nicht von Geschäftskaffeetrinken.“

„Hm, glaube nicht. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter zählt wahrscheinlich nicht, oder?“

„Hat sie dich EINGELADEN?“

„Ja.“

„Dann zählt sie.“

Du warst auf dem See?“, fragt Kolja.

„Hm.“

„Baden?“

„Nein.“

Wir schweigen.

Kolja fragt nach Jolandas Vater. Er möchte wissen, wieso wir nicht zusammen geblieben sind. „Wir waren jung und dumm“, sage ich. „Der Alltag hat uns überfordert.“

Kolja nickt. Ich frage ihn nach seinen Eltern.

„Vater hat Mutter immer wieder betrogen, bis sie ihn raus geworfen hat“, sagt Kolja.

„Gut“, sage ich. „Hat sie danach niemanden mehr getroffen?“

„Sie wollte niemanden mehr treffen“, sagt Kolja.

„Und dein Vater?“

„Ist vor sieben Jahren gestorben“, sagt Kolja. „Infarkt.“

„Seltsam, wie kurz man Beziehungen abhandeln kann“, sage ich. „Ganze zwei Sätze bleiben von diesen Dramen.“

„Findest du das grausam?“, sagt Kolja.

„Du nicht?“

Kolja zuckt die Schultern.

Unsere Geschichte, das beschließe ich an diesem Nachmittag, wird nur hier spielen, in diesem Gras, in diesem Garten, in diesem Haus, an diesem See. Sie wird hier versteckt bleiben. Keiner darf sie jemals auf zwei Sätze verkürzen.

Waynes Song

Berliner Zeitung

Die Sängerin Velve erzählt, wie sie in Afrika ihre Stimme wiederfand

© Foto Sandra Myhrberg


Als ich das erste Mal afrikanischen Boden betrat, spürte ich sofort die urwüchsige Energie dieser Erde. Sie fühlte sich so tief an und so alt. Instinktiv erfasste ich sofort, dass der Aufenthalt in Afrika mein Leben verändern wird.

Ich war nach Simbabwe gekommen, um Reportagen für den Fernsehsender zu machen, bei dem ich damals als Journalistin arbeitete. In den ersten Tagen bewegte ich mich hektisch, typisch europäisch. Man hatte mir zwar geraten, wegen der Hitze alles dreimal so langsam zu tun wie in Europa, aber dazu war ich gar nicht in der Lage. Ich war 27 Jahre alt und befand mich seit Jahren in einem Arbeitsrausch.

Die Menschen in Simbabwe kommen immer gleich zur Sache. Du kannst nicht in einen Laden gehen und ein Moskitonetz kaufen, ohne mit dem Verkäufer ein paar Sätze zu wechseln. Ihre einfachen Fragen holten mich auf den Boden zurück. Ich hatte ja gar nicht bemerkt, wie entwurzelt ich war. Afrika, das ist das Chakra Nummer eins: Leben oder Sterben. Nehmen oder gehen lassen. Dieser starke Impuls ließ mich nicht mehr los. Ein Jahr nach den Dreharbeiten kehrte ich nach Harare zurück.

Die Hauptstadt Simbabwes liegt mitten im Dschungel. Es herrscht eine dampfige Hitze. Man ist überall von Pflanzen und Tierstimmen umgeben, aber auch von der Musik, die an jeder Straßenecke aus einem Ghetto blaster quillt. Die Autos und das Stimmengewirr der Menschen sind viel lauter als in einer europäischen Stadt. In den lärmenden Straßen wurde mir bewusst, was ich unscharf bereits bei meinem ersten Besuch gefühlt hatte: Ich wollte wieder Musik machen.

Ich bin mit Musik aufgewachsen. Mein Vater ist Gitarrist, mein Stiefvater Schlagzeuger. Als kleines Kind begleitete ich sie auf Konzerte. Mein Vater brachte mir Gesang bei. Es gibt Aufnahmen, wie ich getriezt wurde, einen Refrain wieder und wieder zu singen. Ich lernte Klavier und Gitarre, die beiden Instrumente, mit denen ich heute meine Songs komponiere. Hätten meine Eltern mich nicht gezwungen, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, wäre ich mit sechzehn Jahren nach London gegangen, um in dem Musical „Hair“ aufzutreten. Meine Eltern erteilten dem Produzenten, von dem dieses Angebot gekommen war, jedoch eine Absage. Heute weiß ich, dass es eine gute Entscheidung war. Nach meiner Ausbildung habe ich in der Werbeabteilung eines Radiosenders gearbeitet und später die journalistische Laufbahn eingeschlagen.

Eines Abends entdeckten mein Begleiter und ich im Zentrum Harares, in der Nähe eines Marktplatzes einen schäbigen Schuppen, aus dem Musik drang. Es war ein Jazzclub. Drinnen sah es eigentlich genauso aus wie in einem Club in Berlin. Vielleicht etwas ärmlicher. Die Musikanlage war nicht gerade auf dem neuesten Stand. Wir tanzten ein bisschen. Die ganze Zeit beobachtete mich ein Mann, ungefähr so alt wie ich. Er trug Rastalocken und ziemlich hippe Klamotten. Er sah aus wie ein VIVA-Moderator. Schließlich kam er auf mich zu und sagte: „Hi, ich bin Wayne. Ich bin Musiker, aus Köln.“ Ich war völlig verblüfft und sagte: „Ich auch.“ Das stimmte nicht ganz. Ich war zu dieser Zeit noch keine Musikerin. Ich wollte aber unbedingt eine werden. Wayne hatte allerdings auch nicht die Wahrheit gesagt. Er kam gar nicht aus Köln. Er wollte aber unbedingt dahin. Wir hatten aber auch nicht ganz gelogen. Ich nahm bereits wieder Gesangsunterricht. Wayne hatte eine deutsche Mutter. Er war schon einmal in Deutschland gewesen, um seine Mutter zu finden.

Gemeinsam zogen wir weiter durch die Nacht. Wayne führte uns zu einem Club, in dem auch Techno gespielt wurde. Ich war damals total auf Techno und vermisste es in Harare. Mir fiel auf, dass die Tanzfläche sich leerte, sobald Techno aufgelegt wurde. Wayne sagte, dass Techno nicht so beliebt sei bei den Schwarzen. Das passte zu dem Bild, das ich von Afrika hatte. In schwarzer Musik geht es um Gefühl. Sie kommt aus dem Bauch, ist stark körperbezogen. Techno hingegen ist der Ausdruck unserer völlig überdrehten, überhitzten, hektischen Industriewelt. Damals begann ich neu über elektronische Musik zu denken, die bis dahin meinem Lebensgefühl am stärksten entsprochen hatte.

Wayne zeigte uns die Stadt. Er führte uns an Orte, an die normalerweise kein Tourist kommt. Manchmal musste er verhandeln, ob wir in einen bestimmten Club oder in ein Restaurant auch hinein durften. Er sagte dann: „Die sind cool. Das sind meine Freunde.“ So ungefähr. Für Wayne war das Leben in Harare nicht idyllisch. Es finden dort jeden Tag Straßenkämpfe statt. Man kann schnell in eine Schlägerei verwickelt oder ausgeraubt werden. Ich habe die Angst in seinen Augen gesehen, wenn wir unterwegs waren. Er war ständig auf der Hut. Wir haben viel über das afrikanische Lebensgefühl gesprochen. Alles ist ein bisschen lockerer, aber die Angst läuft immer mit. Wayne sparte auf sein Flugticket nach Deutschland, indem er alte Autos reparierte und teuer verkaufte.

Einmal fuhren wir im Auto raus aus der Stadt. Wir sangen die ganze Zeit. Wayne sagte: „Du hast eine Superstimme! Lass uns einen Song aufnehmen!“ Am nächsten Tag nahm er mich mit in sein Studio. Es befand sich in einem Haus am Rande der Stadt. Das war keine der großartigen Villen, in denen die weißen Rhodesier früher gelebt hatten, sondern ein einfaches Haus. Ein Freund von Wayne wohnte dort. Sie teilten sich das Wohnzimmer-Studio. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wo Wayne zu Hause war. Vielleicht hatte er gar kein Zuhause. Wir waren ständig unterwegs. Immer kannte er irgendwo einen Typen. Dann gingen wir dort essen oder tanzen. Überall machte er seine kleinen Geschäfte. In dem Aufnahme-Studio sah es aus wie in einer Londoner WG. Auf dem Boden lag ein versiffter Teppich. Darauf standen Second-Hand-Möbel, die nicht zusammen passten. Die technische Ausrüstung war ziemlich alt. Diese Aufnahme mit Wayne hat mein Innerstes berührt. Er rappte. Ich sang. Wir improvisierten. Es war sehr ernsthaft, auch wenn wir viel lachten. Wenige Tage später lief unser Song im Radio. Ich konnte es kaum fassen.

Im Flieger zurück nach Deutschland fiel ich in einen leichten Schlaf. Jemand sagte zu mir: Du musst deine eigene Musik machen! Ich erwachte und dachte während des ganzen Fluges über den Traum nach. Er war so intensiv gewesen. Ich war sicher, dass die Botschaft von Wayne kam. Er hatte gesagt, dass ich weiter machen muss, nicht den Mut verlieren soll, dass ich eine wunderbare Stimme habe.

Später erzählte ich Wayne am Telefon von meinem Traum. Wayne war traurig, denn eines seiner Autos war geklaut worden. Seine Traurigkeit ging mir zu Herzen. Schon am Flughafen hatte es mir weh getan, seine Traurigkeit zu sehen, als wir voneinander Abschied nahmen. Ich beschloss, ihm den Flug nach Köln zu bezahlen. Mir ging es finanziell recht gut. Es war kein Drama für mich, ihm das Geld zu leihen.

Waynes war kaum in Deutschland angekommen, da schleppte er mich mit zu einer Jam-Session mit verschiedenen Künstlern, die er in Deutschland kannte, unter anderem einer Band, die gleich bei mir um die Ecke wohnte und Clueso, der damals noch ganz unbekannt war. Wayne unterstützte mich. Es war ein großer Respekt zwischen uns. Er sagte zu den anderen: „Ich möchte, dass sie jetzt singt und sich auslebt und ihr nehmt es bitte auf, damit sie sich das anhören kann.“ So entstanden die ersten eigenen Ideen. Wayne hat mich später noch mit vielen anderen Musikern zusammen gebracht, durch die ich in Kontakt mit bekannten Künstlern kam und immer stärker wahrgenommen wurde. Inzwischen haben wir uns aus den Augen verloren. Aber ich denke oft an ihn.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre schwarz. Andererseits möchte ich zu dem stehen, was ich bin: eine Norddeutsche. Echt blond. Bei uns ist das Wetter oft schlecht und es entsteht diese düstere, aber sehr poetische Musik. Dennoch steckt Afrika in meinem ersten Album. Der Song „Man“ zum Beispiel, den ich übrigens zusammen mit Wayne geschrieben habe, ist von der Intensität und dem Tempo eines schamanischen Gebets inspiriert. Ich lasse mich nicht von kommerziellen Aspekten verrückt machen, nach dem Motto: Zwischen 6 und 9 müssen wir die Radiohörer wach kriegen, da nehmen wir mal 120 Beats. So wird Musik oft gemacht. Ehrlich. Ich mache meine Musik überhaupt nicht so. Afrika hat mich gelehrt, entspannt und bei mir selbst zu bleiben.

Kathrins Notiz-Blog 30. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Ich komme zehn Minuten zu spät zu unserer Verabredung ins Café Sibylle. Zwei Männer sitzen allein im Café. Der Philosophiestudent mit dem Zopf, der in einem Reclam-Bändchen liest, kann es nicht sein, also ist es der hinter der Berliner Zeitung.

„Guten Tag“, sage ich. Ein junger Mann mit hellbraunen Locken springt hinter der Zeitung hervor und streckt mir seine schmalen, blassen Finger entgegen. Helle Augen hängen wie Regentropfen in seinem Gesicht und geben ihm einen melancholischen Ausdruck.

Ich habe mir einen Dreißigjährigen, der in der Karl-Marx-Allee eine Vier-Zimmer-Wohnung kauft, selbstbewusster und kräftiger vorgestellt. Warum eigentlich? Dort, wo die Berliner Zeitung auf der Kaffeetasse liegt, saugt sie sich gerade voll Milchschaum. Der Däne – er heißt Synne – reißt sie ungeschickt weg und faltet sie liederlich zusammen. Während ich noch überlege, was ich statt einem blöden Aufwärmsatz wie: Ich freue mich, dass Sie mir ihre Wohnungseinrichtung anvertrauen! sagen könnte, beginnt Synne schon von sich zu erzählen. Er spiele Bratsche, unter anderem bei den Berliner Philharmonikern. Er sei ein freier Künstler, komponiere auch und würde am liebsten dauerhaft in Berlin bleiben, habe aber noch ein Engagement in Kopenhagen, so dass er gezwungen sei zu pendeln. „Für einen Komponisten gibt es keine bessere Stadt als Berlin“, sagt er. Ich nicke und freue mich, aber die Lobhudelei auf Berlin wird mir langsam unheimlich. Ich frage mich, ob die vielen Zureisewilligen sich während ihrer Aufenthalte wirklich in derselben Stadt wie ich bewegen oder ob ich das Beste an Berlin verpasse? Der Däne sagt, es sei ihm eigentlich völlig egal, wie die Wohnung aussieht. Er habe einfach keine Lust, das selbst zu machen. Zum Komponieren brauche er eh nur einen Arbeitstisch mit Blick auf die Karl-Marx-Allee. „Das lässt sich machen“, sage ich. Ich frage, an wen er die Wohnung vermieten will, wenn er selbst nicht in Berlin ist. „An Musiker wie mich“, sagt er. „Da gibt es eine Menge, die für ein paar Tage in die Stadt kommen und nicht in ein Hotelzimmer eingesperrt sein wollen.“

„Vielleicht sind die auch so anspruchslos wie Sie. Dann lohnt sich der ganze Aufwand gar nicht.“

Synnes Regentropfenaugen werden schwerer. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Auch wenn man es nicht braucht, selbst wenn man es nicht will, ist es dennoch schön, nach Hause zu kommen in Räume, in denen man sich gut fühlt. So ist es auch, wenn ich meine Eltern in ihrem Sommerhaus besuche. Es ist so groß. Jedes Mal denke ich, dass am Abend noch Gäste kommen werden. – Genau!“ Synnes Mundwinkel klappen auf beiden Seiten seiner schmalen Lippen im rechten Winkel nach oben. „Eine große Wohnung gibt das Gefühl, als käme gleich noch jemand vorbei“, sagt er mit einem freundlich, naiven Kindergesicht.

Wir verabreden uns wieder in einer Woche. Dann werde ich Entwürfe und den Kostenvoranschlag dabei haben. Synne reicht mir seine schmalen Finger und verbeugt sich leicht.

Das Möbelhaus, in dem ich unseren Wandschirm gekauft habe, ist nicht weit vom Café Sibylle entfernt. Wie damals nehme ich den Lift, lasse mich zwischen den Regalen und Polstermöbeln dahin treiben und denke mir Räume für Synne als Versicherung gegen die Einsamkeit aus. Ein Sofa mit einem olivgrün karierten Bezug gefällt mir. Das könnte seine Farbe sein. Grün an sich ist jung und ungeduldig, die Farbe des Aufbruchs und der Wut, aber der schlammige Ton dämpft die Aufregung. Wenn jemals ein Sofa versprechen kann, dass gleich noch jemand vorbei kommen wird, dann dieses. Ich messe aus.

Als ich auf dem Teppichboden des Einrichtungshauses hocke und das schlamm – und olivgrün karierte Sofa an die Wand gegenüber der geöffneten Glastür zu Synnes Arbeitszimmer zeichne, so dass sein Blick darauf fällt, bevor er sich zum Komponieren an den Schreibtisch setzt, ruft Kolja an. Er fragt, ob ich am Abend Lust habe, mit ihm „raus“ zu fahren. Ein paar Sekunden bin ich wie gelähmt. Ellas Porträt auf Koljas Monitor treibt durch meine Gedanken. Ohne nachzudenken sage ich ja.

Die Dame von der Espresso-Bar stellt ein Glas Sprudelwasser vor mich auf den Teppich. Durch die großen Glasscheiben blicke ich nach draußen auf die blendenden Wolken.
Ich nehme einen Schluck Wasser. Und noch einen. Plötzlich schmeckt das Leben wie dieses Wasser, das ich trinke ohne Durst, einfach nur, um meine Vorräte aufzufüllen. Es ist wie ein Spiel. Ganz einfach. Als würde ich nie wieder Durst bekommen, wenn ich auf diese Weise weitermache. Ich hatte nicht bemerkt, wie sehr ich mich nach Kolja gesehnt habe. Da ist auch Angst. Die Angst um Ella und ihre Mutter wird zur Angst um mich selbst. Seltsam. Ich darf Kolja nicht zuviel Raum geben. Ich schaue auf den Entwurf zwischen meinen Knien. Keine Regale, denke ich. Nichts Anstrengendes. Lieber Sideboards und einige Bilder an den Wänden. Und irgendwo ein Fahrrad.

Sir, ich habe auf Sie gewartet!

Berliner Zeitung

Der Fotograf Thomas Sandberg erinnert sich daran, wie er Peter Ustinov fotografieren sollte und ihn nicht fand


© Foto Thomas Sandberg

Ustinov gibt im Theater in Hannover ein Autogramm; Sandberg hat es fotografiert.

Es war ein ungemütlicher, kalter Sonntag im März des Jahres 1994, als ich im Auftrag der englischen Tageszeitung The Independent nach Hannover fuhr, um Sir Peter Ustinov zu fotografieren. Um elf Uhr waren wir in seinem Hotel verabredet. Ustinov tourte gerade mit einer Unterhaltungsshow durch Deutschland. Zwei Abende vorher war er in München aufgetreten.

„Peter Ustinov wohnt nicht hier“, sagte der Mann an der Rezeption. Ich glaubte ihm kein Wort. Es war doch ausgeschlossen, dass die Kollegin in der Hamburger Agentur, die den Auftrag vermittelt hatte, mir die falsche Adresse genannt hatte. Ich beschloss, es später noch einmal zu versuchen und verzog mich in ein Café, das dem Hotel direkt gegenüber lag. Das Café war an diesem Sonntagvormittag fast leer. Die Trostlosigkeit hatte sich wie kalter Rauch darin festgesetzt. Es war wie die ganze Gegend an der Hildesheimer Straße nicht einmal hässlich zu nennen. Diese Häuser, denen man nicht erlaubte zu altern, sondern immer wieder sauber angestrichen hatte, erzeugten in mir ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Sie brauchen keinen Fotografen, dachte ich, denn ein Foto will die Spuren des Alterns, die verlorene Zeit, festhalten. Ich rauchte, trank Kaffee, rauchte wieder und hing meinen Zweifeln nach. Das Hotel drüben war modern, vier oder fünf Sterne, nicht schlecht also, aber der ausruckslose Bau erschien mir einem Gast wie Peter Ustinov völlig unangemessen. Ich fragte mich, worauf ich eigentlich noch wartete. Ganz offensichtlich war in der Absprache etwas schief gelaufen. Aber es war ein Sonntag. Ich konnte in der Agentur nicht rückfragen.

Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits für deutsche und internationale Magazine. Als die Kollegin aus der Focus-Agentur in Hamburg angerufen hatte, war ich zuerst nicht bereit gewesen, den Auftrag anzunehmen, denn die Arbeit für Tageszeitungen ist für freie Fotografen finanziell nicht besonders attraktiv. Allein die Reisekosten drohten das Honorar aufzufressen. Andererseits: Wann würde ich wieder die großartige Gelegenheit haben, Peter Ustinov zu fotografieren? Jeder hat ein paar Schauspieler, die er besonders mag. Bei mir sind das Laurence Olivier, Alec Guinness und ja – eben Peter Ustinov. Ich liebe ihn in Topkapi und als Kommissar Poirot in den Agatha-Christie-Verfilmungen. Weil ich ein wirklicher Verehrer seiner Kunst bin, nur deshalb habe ich schließlich zugesagt.

Nach zwei Stunden ging ich rüber in das Hotel und fragte den Mann am Empfang, ob er etwas von Ustinov gehört hätte. Etwas genervt schaute er nach. Da hätte es eine Buchung gegeben, sagte er, aber Ustinov sei nicht angereist. Mein Misstrauen blieb. Warum sollte sich dieser glatte, uniformierte Rezeptionist überhaupt mit meiner Fragerei befassen? In seinen Augen war ich nur ein Fotograf.

Ich fuhr zum Flughafen. Zuerst fragte ich nach dem Flieger aus München, dann aus London. Die Stewardessen schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Peter Ustinov war in keiner Maschine gewesen. Ich fiel in ein Loch aus Selbstzweifeln. Es war nicht einmal die Angst zu versagen. Ich hatte bereits versagt. Ich hatte ihn nicht gefunden. Der Tag war gelaufen.

Aber ich tat, was jeder Fotograf, der seine Arbeit ernst nimmt, auch unter den widrigsten Umständen tut: Ich blieb und wartete. Ich hatte eine letzte, kleine Chance. Den Spielort wusste ich und ich hatte auch in Erfahrung gebracht, dass die Show nicht abgesagt war. Die Stadthalle in Hannover ist ein rotundenartiger Bau aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Autos ziehen im Kreis ringsherum. Ungefähr eine Stunde vor Beginn der Show stellte ich mich an den Bühneneingang. Mit mir wartete eine Traube von Autogrammjägern. Die sahen nicht aus, als seien sie alle Ustinov-Fans. Die meisten machten wahrscheinlich Geschäfte mit Autogrammkarten. Ich fürchtete, dass die Autogrammhändler mir auch noch die letzte Gelegenheit vermasselten. Eine halbe Stunde später fuhr ein Auto vor. Vom Beifahrersitz sprang ein junger Mann im grauen Abendanzug und öffnete Ustinov die Tür des Fonds. Ein weiterer, älterer Herr stieg auf der anderen Seite aus. Alle drei kamen schnell auf uns zu, Ustinov in schwarzem Anzug und Fliege. Ich stand direkt an der Eingangstür. Als er nahe genug war, schrie ich: „Sir! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet! Wo waren Sie?“ Ich hatte zunächst auf Englisch geschrien, dann, als mir eingefallen war, dass er perfekt deutsch spricht, weiter auf Deutsch. Dieses Gebrüll war wirklich unhöflich, aber Ustinov muss die Verzweiflung darin wahrgenommen haben. Er reagierte keineswegs empört, sondern gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich war den ganzen Tag im Hotel“, sagte er mit einem gelassenen Lächeln. „Aber wo?“, fragte ich, immer noch völlig aufgebracht. Er nannte den Namen. Es war natürlich ein anderes.

Ustinov betrat nur kurz die Garderobe, dann ging er zur Bühne. Er setzte sich auf eine Art Barhocker und begann vor sich hin zu brabbeln. Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt Worte waren, die er von sich gab, oder nur Laute, um seine Lippen aufzuwärmen. Wenn ich fotografiere, höre ich nicht wirklich zu. Die Beleuchter richteten das Licht ein. Und plötzlich erschien eine junge Frau in einem netten, kleinen Rock. Sie war eine der Garderobenfrauen. Sie hatte ein Plakat zum Signieren mitgebracht. Ein echter Fan. Ich kniete mich vor die beiden. Ihr Gesicht brauchte ich nicht, aber ihre Beine im Minirock neben dem alten Ustinov, wie er seine Unterschrift auf das Plakat setzt, gefielen mir.

In der Pause konnte ich Ustinov kurz in seiner Garderobe besuchen. Er saß an einem Tischchen, auf dem Mineralwasserflaschen und ein altes Tastentelefon standen. Das Interieur passte hervorragend zu meinen traditionellen schwarz-weiß-Fotos. Ustinov sah meine Leica und erzählte von einem berühmten japanischen Fotografen, der auch mit Leica fotografiert und zu ihm gesagt hatte: „I dont like these japanese shit, prefere german cameras!“ Ustinov imitierte seinen Akzent. Wir lachten. Dann begleitete mich der Assistent wieder nach draußen. Ustinov brauche noch etwas Ruhe. Ich hatte nicht mehr als zehn Minuten mit ihm verbracht.

In der Woche darauf rief mich der Bild-Chef des Wochenendmagazins des Independent, Colin Jacobson, an und bedankte sich für die tollen Fotos. Sie hätten beschlossen, eine längere Magazin-Geschichte daraus zu machen. Ich bekam sogar noch ein ganz gutes Honorar. Ich bedankte mich, dass er meinen „Old School“ – Fotos in seinem berühmten Magazin einen Platz einräumte.

Old School sage ich, weil diese Art der Reportage-Fotografie damals in deutschen Magazinen schon nicht mehr gefragt war. Wenige Stunden, bevor ich Ustinov in Hannover fotografiert habe, hatte ein Kollege von mir, mit dem ich heute persönlich befreundet bin, ihn in München getroffen. Sein Foto erschien in Farbe auf der Doppelseite eines bekannten Magazins. Peter Ustinov sitzt in einem Studio und hält sich einen Lorbeerkranz über den Kopf. Ein typisches Beispiel für die neue inszenierte Fotografie. Ich mochte dieses Foto nicht, weil es am Schreibtisch entworfen wurde. Ich glaube nicht, dass es in der Fotografie einen solchen Weg vom Gedanken ins Bild gibt. Die Wirklichkeit hat weit mehr zu bieten, als ich mir am Schreibtisch ausdenken kann. Als Fotograf habe ich die Oberfläche, das, was der Typ aufgrund seiner Körperlichkeit, seines Gesichts, seiner ganzen Person kommuniziert. Ich brauche den übergeordneten Gedanken eines Redakteurs oder Autors nicht. Was mir da vorgeführt werden soll, überlagert das Vorhandene nur, macht es unzugänglich und führt dazu, dass wir das genaue Hinsehen verlernen. Denn der Lorbeerkranz über Ustinovs Haupt ist doch schon vorhanden. Man muss da nicht so plump nachhelfen.

Ich erzähle die Geschichte oft meinen Studenten an der OSTKREUZ-Fotoschule. Einmal sagte ein Student, Erfolg sei planbar. Ja, vielleicht, wenn man ohne Wagnis, ohne Risiko, allein einem gedanklichen Konzept folgt. Aber ein gutes Zeitschriftenfoto zu finden ist eine Form der Kunst, also höchst riskant. Der Fotoreporter berichtet auf persönliche Weise, was er erlebt, ebenso wie Kisch, Döblin oder Polgar es mit Worten getan haben. Es war damals mein Glück, dass die Briten ein bisschen konservativer sind.