Kathrins Notiz-Blog 13. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Kolja hat mich zur Begrüßung nicht gelesen. Sonst überfliegt er mein Gesicht wie eine Titelseite, bevor er mich an sich drückt. Noch immer macht mich seine Aufmerksamkeit verlegen. Heute küsste er an meinen Wangen vorbei. Und holte für mich einen piefigen Hocker aus der Küche, ein Ding mit drei Löchern im Sitz. Sieht aus wie eine geplättete Bowlingkugel. Man kann nicht einmal damit kippeln.

Es geht um eine Wohnung in der Karl-Marx-Allee. Kolja hat sie umgebaut. Ich soll die Inneneinrichtung übernehmen. Es ist der beste Job, den ich jemals hatte, aber das gebe ich vor Kolja nicht zu. Die Wohnung gehört einem Musiker aus Dänemark. Er möchte sie möbliert vermieten und teilweise auch selbst nutzen, wenn er ein Gastspiel in Berlin hat. Er hat weniger die Touristen im Auge, als viel mehr die Leute, die nach Berlin kommen, um sich hier beruflich was aufzubauen.

„Aber…“

„Kein Aber“, sagt Kolja. „Ich weiß, was du sagen willst. Die Spanier, Italiener, Franzosen und Israelis, die in Berlin Jobs suchen, leben in Zelten, Gartenlauben oder zur Untermiete bei Freunden, die gerade in Tel Aviv und New York Jobs suchen.“

„Hast du ihm das nicht gesagt?“, frage ich.

„Ich bin Architekt“, sagt Kolja. Er hängt sich eine zerknitterte Zigarette in den Mundwinkel. Er klickt in dem Vertrag mit dem Dänen herum. „Und du bist kein Unternehmensberater oder Coach“, sagt er.

„Aber ich…“

„Wenn Geld keine Rolle spielt, sollte man nicht weiter fragen“, unterbricht mich Kolja. „Geh einfach davon aus, dass ihm dieses Projekt Spaß macht.“ Er sieht müde aus. Die Zigarette wippt in seinem Mundwinkel und krümelt auf die Tastatur. „Die Einrichtung soll geschmackvoll sein. Der Däne benutzte das Wort: distinguiert.“

Koljas Mutter hatte gesagt, dass Menschen uns ihre dritte Haut anvertrauen. Also muss ich doch etwas über sie in Erfahrung bringen, wissen, woher sie kommen und wohin sie wollen und wie sie sich selbst sehen. Natürlich bin ich dann auch eine Unternehmensberaterin und ein Coach. Andererseits scheint es mir logisch, wie Kolja nicht über das hinaus zu gehen, was im Auftrag vereinbart ist. Um mehr darf es gar nicht gehen. Ich MUSS mich an die Spielregeln halten. Aber sind nicht gerade die Erfolgreichen geübt darin, die Regeln zu brechen? Dieses Dilemma ist typisch für mich. Ich kann mich nicht entscheiden. Zu jedem Argument habe ich sofort ein oder zwei Gegenargumente im Kopf. Alle leuchten mir ein. Ich bewundere Menschen, die für EINE ganz bestimmte Sache eintreten und kämpfen. Das muss ihnen ein wunderbares Gefühl von Sicherheit geben. Vielleicht habe ich die Sache, für die ich eintreten könnte, einfach noch nicht gefunden. Aber mit Anfang vierzig sollte man so weit sein, oder? Liegt es vielleicht daran, dass ich mich nicht traue, für meine Überzeugung einzustehen, dass ich Angst habe, man könnte mich für verrückt halten, weil ich glaube, dass eine Inneneinrichterin auch Unternehmensberaterin und Coach ist? Ich kann die Dinge, mit denen wir uns umgeben, nun mal nicht von ihrer Bedeutung trennen. Ich kann Gedanken nicht von dem lösen, worauf sie sich beziehen, nämlich, WIE wir leben sollten. Wenn ich eine Haltung betrachte, dann immer im Raum. Zum Beispiel drückt es etwas über den Charakter der Europäischen Revolution aus, dass sich die Assamblea immer unter freiem Himmel trifft, auf einem der großen, öffentlichen Plätze der Stadt. Überall auf der Welt finden die Versammlungen der Demokratiebewegung auf der Straße statt. Koljas Mutter würde sofort verstehen, was ich meine. Sie würde sagen: „Probiere es aus! Lass dich überraschen.“

Kolja strengt sich an, unbeobachtet zu tun und so lässig wie möglich auf seine Tastatur einzuhacken. Die Asche krümelt auf seinen Arm.

„Ist deine Mutter immer so – offen und interessiert?“, frage ich. „Nein, nein, warte: offen und interessiert klingt total blöd. Sie ist noch anders. Sie ist – weise. Ich habe noch nie eine weise Frau getroffen.“

„Alle glauben, von ihr geliebt zu werden“, sagt Kolja.

„Dann spielt sie allen etwas vor?“

„Sie ist Schauspielerin“, sagt Kolja.

Es gibt diesen berühmten Satz von Romy Schneider: Im Leben bin ich eine schlechte Schauspielerin gewesen.

„Es gibt wenig Leute, die sie wirklich kennen“, sagt Kolja.

„Kennst du sie?“

„Ein bisschen“, sagt Kolja.

„Sie hat mich eingeladen“, sage ich.

Kolja zuckt die Schultern. „Seit Vaters Tod ist sie ein bisschen einsam da draußen. Möchtest du ein Foto von Ella sehen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, holt Kolja das Foto auf den Monitor. Es zeigt ein durchsichtiges, verschrumpeltes, neu geborenes Gesicht. Ich glaube, dass Kolja eifersüchtig ist auf die vielen Leute, die sich von seiner Mutter geliebt fühlen. Es ärgert ihn, dass ich zu ihr gefahren bin.

„Kannst du Ellas Gesicht lesen?“, frage ich Kolja.

Er lacht und auf seinen Wangen erscheinen wieder diese Grübchen. „Da steht noch nichts geschrieben.“

„Doch, es steht schon was geschrieben“, sage ich. Damals habe ich Jolanda stundenlang und immer wieder angeschaut und vieles entdeckt, was sie aus ihrem kleinen Embryonenreich mit auf die Welt gebracht hat.

„Aber du siehst, dass ein Engel einen Finger auf ihren Mund gelegt hat, damit sie uns das Geheimnis nicht verrät.“ Kolja führt die Maus über die Kerbe unter Ellas Nase, die sich unter den Lippen fortsetzt: Der Abdruck des Engelfingers.

„Schade, dass wir diese guten Dinge bei der Geburt zurücklassen müssen“, sage ich.

„Es ist der erste Abschied unseres Lebens“, sagt Kolja. Er wendet sich von dem Bild seiner Tochter ab, zu mir. Er legt seine Hände auf meine Knie. Er muss sich dafür weit in dem Schreibtischsessel nach vorn beugen, weil der Hocker viel niedriger ist.

„Wie viele Abschiede hattest du bis jetzt?“, frage ich.

„Ich habe nicht gezählt“, sagt Kolja. „Viele. Sehr viele.“

Als ich mit den Entwürfen unter dem Arm nach Hause laufe, ruft Leon an. Er sagt, dass er heute Abend kommt. „Was möchtest du essen?“ frage ich. „Egal“, sagt er. Ich beeile mich, lege die Entwürfe zu Hause ab und mache mich gleich auf den Weg, etwas für uns einzukaufen.

BVG-Karten zum halben Preis

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Die BVG muss sparen. Sie spart an Zügen, Personal und Tinte. Manchmal ist gar keine Tinte mehr in den Entwertern. Ein Freund von mir hatte seinen Fahrschein ordnungsgemäß entwertet, aber als er ihn bei der Kontrolle vorzeigte, war nichts drauf zu sehen. Eine echt miese Nummer der BVG, um an zusätzliches Schwarzfahrergeld zu kommen.

Schlagen wir den Feind mit seinen eigenen Waffen: Bevor die Tinte alle ist, werden die Drucke sehr schwach. Sie sind noch sichtbar, können aber locker noch einmal überstempelt werden. Voila, ein Fahrschein = zwei Fahrten!


 

Kathrins Notiz-Blog 5. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Jolanda ist schon in der Bibliothek, als ich komme. Ich packe meine Bücher auf den Tisch neben ihr und versuche zu lernen, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Neben ihr sitzen und nicht reden können ist, wie in die offene Tüte Weingummi auf dem Nebentisch starren und nicht hineinlangen dürfen.

Mittags sitzen wir draußen vor der Mensa und trinken Kaffee. Jolanda hat die Beine auf die Bistrobank gelegt und blinzelt in die Sonne. „Wie geht’s deinen Männern? Sie machen dich beide nicht gerade glücklich, oder?“, sagt sie.

„Weiß nicht….Können Männer uns überhaupt glücklich machen?“, sage ich. „Sind es nicht eher die Frauen?“

Jolanda öffnet ein Auge halb wie jemand, der durch eine Jalousie linst, weil ihn ein Lärm draußen geweckt hat. „Hast du umgepolt?“

„Nein. Aber wenn ich zurück denke, war es schon immer so, dass ich die besten Gespräche mit Frauen hatte, von ihnen die schönsten Geschenke bekommen habe und ja…Frauen sind einfach interessanter. Aber es ist mir erst jetzt aufgefallen.“

„Manchmal dauert es eben länger. Wer ist es denn?, fragt Jolanda.

„Koljas Mutter.“ Ich erzähle ihr von der Begegnung. Jolanda kann nicht verstehen, wieso ich abends um acht mit dem Zug nach Müncheberg fahre, um bei einem fremden Menschen am Gartentor zu klingeln. Sie fragt, wieso ich stattdessen nicht zu Bertram und Ludwig gefahren bin.

„Intuition“, sage ich. „Bertram und Ludwig hätten mir in dieser Situation nicht helfen können. Sie sind zwar schwul, aber eben keine Frauen.“

Jolanda schaut unter einer runzligen Stirn hervor und lässt einen Laut verpuffen. Sie breitet ihr Rauchzubehör auf dem Tisch aus und dreht eine Zigarette. Sie hat kleine, feste Hände. Ihre Nägel sind grün lackiert.

„Ich liebe Männer“, sage ich. „Sie gehören dazu. Irgendwie. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Es ist ein Geheimnis. Ohne sie würde etwas fehlen.“

„Und in wen bist du nun verliebt? In Kolja? Seine Mutter? Oder vielleicht doch in Leon?“, fragt Jolanda.

„Das ist merkwürdig: Ohne Leon könnte ich Kolja nicht lieben. Ohne Kolja wäre ich seiner Mutter nicht begegnet. Und als ich ihr gegenübersaß, habe ich plötzlich gespürt, wie sehr ich Leon liebe. Es tat mir leid, dass ich ihn an diesem Abend allein gelassen hatte. Alle gehören zusammen. Die Begegnungen greifen ineinander, verzahnen sich mit meinem Leben. Das ist doch schön, oder? Wieso sehe ich unglücklich aus?“

Jolanda schaut mich streng an. „Ach, vergiss es, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Wahrscheinlich ist sie zu jung, das zu verstehen. Oder sie hat entschieden, es nicht verstehen zu wollen.

„Und du?“, frage ich. „Wie läuft es mit Jakob?“

Sie bläst den Rauch aus, schaut in die Wolken. Ihr Gesicht löst sich. „Ja“, sagt sie. Und noch einmal: „Ja.“ Jolanda enthüllt ihr Gesicht selten. Wenn es geschieht, bin ich jedes Mal gerührt. Aber heute bin ich ergriffen. Sie bemerkt es, senkt den Kopf, versteckt sich hinter dem Rauch, blickt wieder auf, strahlt. Das Glück ist nur so weit weg wie ein Bistrotisch breit ist. Diese Nähe löst in mir die Angst aus, es könnte weg flattern. Ich wage kaum zu atmen. Die Sonne brennt auf unsere nackten Schultern. Der Kaffee ist ausgetrunken. Ihre Zigarette dauert vielleicht noch zwei Minuten. Zwei Minuten noch, das Glück anzuschauen.

Berliner Notiz-Blog, 29. Juni 2011

Gift gegen griechische Demonstranten

Von meinem Schreibtisch aus schaue ich zu, wie in Athen Demonstranten mit Gas – und Atemmasken und nassen Tüchern vor dem Gesicht auf der Flucht vor den Polizeigeschwadern auseinander stieben. Die Kamera zittert, man sieht ein Chaos von Beinen, den Himmel, dichte, graue Wolken – der Pavillon des Fernsehsenders wurde umgerissen.

Es ist 15:34. Gerade hat das Parlament in Athen den Sparmaßnahmen zugestimmt. Die Kamera taucht aus dem Chaos wieder auf, hält auf einen jungen Mann mit hellbraunen, langen Haaren. Er hat ein Handtuch vor das Gesicht gepresst. Er atmet schwer und hält sich an irgendetwas fest, den Blick nach unten gerichtet. Er muss sich sammeln, konzentrieren, damit er weiterlaufen kann, trotz der Übelkeit.

Rauchschwaden steigen über den Straßen auf. Leute rufen, schreien, husten. Dazwischen, wechselnd in Französisch und Englisch, ein Aufruf an alle Zuschauer, die griechischen Botschaften in allen Ländern anzurufen, um gegen den Gifteinsatz zu protestieren. Die Demonstranten seien unbewaffnet. Sie sind tatsächlich unbewaffnet. Es sind ganz normale Leute, in Sommerkleidung. Manche tragen einen Rucksack. Eben sah die Demonstration von oben noch aus wie Markttreiben.
Der Sprecher hat Probleme mit der Stimme. Wir machen weiter, sagt er. Wir werden siegen.

Neben dem Film läuft ein Chat. Menschen in verschiedenen Sprachen tauschen Botschaften aus, kurze, wirre Gesprächsfetzen. Verschwörungstheorien tauchen auf. Leute streiten über Sozialismus und Kommunismus. Jemand sagt, Merkel sei doch kommunistisch erzogen und daher käme das Unglück.

Die Bilder kommen nicht aus Libyen oder aus einem anderen Land eines anderen, durchgeknallten Diktators. Sie kommen aus Athen. In Athen stand die Wiege Europas. Hier fand die Antike statt. Die Demokratie wurde von den Athenern erfunden. Nicht ganz die Demokratie, auf die wir einmal so stolz waren, denn damals in der Antike waren noch keine Frauen dabei.

Selten in meinem Leben haben mich Bilder so schockiert. Das letzte Mal am 11. September. Das hier ist wieder ein 11. September. Nichts wird so bleiben wie es ist. Eine Welt geht gerade zugrunde. Und es gibt tatsächlich Idioten, die glauben, Europa wäre gerettet, weil das griechische Parlament dem Sparpaket zugestimmt hat.

Zur wöchentlichen, kostenlosen Presseschau ins Le Midi

Freie Internationale Tankstelle in der Schwedter Straße in Berlin

arm & sexy ; Berlin mit vollem Herzen und leerem Portemonnaie genießen.


Ein wunderbarer Ort, an dem man stundenlang ungestört in Zeitungen und Magazinen lesen kann, ohne jemals von einer Kellnerin behelligt zu werden, ist das Le Midi, ein Café in der Greifenhagener Straße im Prenzlauer Berg.

Wasser gibt es gratis am Tresen. Am besten, Ihr kommt zur Frühstückszeit zwischen zwölf und zwei, dann ist der Laden so voll, dass die Kellnerin den Überblick gänzlich verloren hat. Sollte ihr kurz vor Schichtwechsel doch noch auffallen, dass dort jemand versunken in eine gute Reportage vor einem Glas Wasser sitzt, redet Euch am besten damit raus, dass ihr noch auf einen Freund oder eine Freundin wartet. Sie wird euch erschöpft und dankbar anlächeln. Bis ihre Ablösung auf Euch aufmerksam wird, bleibt Euch dann noch eine gute Stunde.