Kathrins Notiz-Blog 13. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Immer, wenn Jolanda und ich keine Lust zum kochen haben, gehen wir in den Orient-Tresen unten im Haus. Heute hatte ich mich mit Jolanda verabredet, weil wir uns in letzter Zeit so selten sehen. Ich weiß gar nicht mehr, was bei ihr los ist, wie es in der Schule läuft und ob sie Sören noch liebt. Nachmittags ist der Laden meist leer. Während ich auf sie wartete, plauderte ich mit dem Verkäufer über das Wetter. Der Verkäufer war erstaunt, dass ich „schon“ ein Kind habe, dabei kennt er Jolanda und mich, seit wir hier im Haus wohnen. Vielleicht hielt er uns bisher für Schwestern. Es kommt öfter vor, dass uns jemand für Schwestern hält.

Jolanda sieht mir ähnlich. Sie sagt, wir hätten wissende Steinkauz-Augen. Ich habe mir im Internet Steinkäuze angeschaut und kann das nicht bestätigen. Wenn Jolanda einen Raum betritt, greifen alle Anwesenden heimlich in ihre Taschen und prüfen, ob sie ihre Ausweise dabei haben. Jolanda schaut und bewegt sich schon jetzt wie eine Detektivin. Lautlos, aber extrem auffällig. Wenn sie einen Raum betritt, spürt man sofort ihre Spannung, ihren Konflikt, alles über die Anwesenden heraus finden zu wollen, ohne auch nur das geringste von sich selbst preiszugeben. Als Jolanda endlich kam und ihre Schultasche auf die Holzbank warf, glaubte der Kurde hinter dem Tresen nicht, dass sie meine Tochter ist. „Es ist wahr.“ Ich hob zum Schwur zwei Finger. Er wurde ernst. Er schüttelte den Kopf und wandte sich beleidigt ab. Wir hörten ihn in der Küche diskutieren. Dann kam sein Kollege nach vorn, um unsere Falafel aus dem Öl zu fischen.

„Vielleicht sollten wir in Zukunft überall sagen, dass wir Schwestern sind, damit niemand denkt, wir wollen ihn auf den Arm nehmen.“

„Kein Problem“, sagte Jolanda.

Sie wies mich darauf hin, dass sie gleich mit Sören im Milchgesicht zum Lernen verabredet wäre. Es bedeutete, dass ich mich kurz fassen sollte.

„Warum bist du schon wieder so ungeduldig? Ich wollte nur hören, wie es dir geht und dir sagen, dass ich für ein paar Tage mit Leon verreise.“

Jolanda blitzte vor Begeisterung über den Rand des Fladenbrotes.

„Kann ich mich auf dich verlassen?“

Sie verdrehte die Augen. „Nein, ich mache mir noch in die Hosen.“

„Du müsstest mich sofort anrufen, falls ein Brief vom Jobcenter kommt.“

„Kein Problem.“

Es schien Jolanda nicht zu interessieren, wohin wir fahren, wie weit ich mich von Zuhause entfernen würde, das heißt, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ich unverhofft wieder auftauchte. „Wir besuchen Leons Mutter“, sagte ich.

„Schön.“

„Sie lebt in in Polen, in einer kleinen Stadt nicht weit von Torun.“

Jolanda nickte. „Mach dir keine Sorgen. Ich halte hier die Stellung.“ Sie mampfte ihre Falafel und hielt die Kurden in der Küche im Auge.

„Findest du es beleidigend, wenn jemand sagt: Ich verstehe dich?“

„Hä?“

„Ich meine, kannst du dir vorstellen, dass jemand gar nicht W I L L, dass ein anderer ihn versteht?“

Jolanda ließ das Fladenbrot sinken. Sie starrte in den Raum. Ihr Mund stand offen. „Wir sagen doch andauernd: Verstehe. Verstehe. Das ist genauso eine Floskel wie die Frage: Wie gehts? obwohl uns das gar nicht interessiert. Natürlich verstehen wir gar nichts, da können wir hundertmal sagen: Verstehe. Wenn Leon seinen Schmerz ernst nimmt, geht ihm das auf die Nerven, klar.“

„Ich sage nicht andauernd: Verstehe! Verstehe! Ich habe gesagt: ‚Ich verstehe dich‘, und ich verstand ihn in diesem Moment wirklich.“
„Dann glaubt er dir eben nicht. Kann ich verstehen.“
„Wieso?“
„Weil es Dinge gibt, die du nicht verstehst.“

Ich hatte in diesem Moment keine Lust auf eine kritische Analyse meiner Erziehung. Zu diesem Zweck hat sie mit ihren Freundinnen eine Art Geheimbund gegründet. Was dort geschieht, weiß ich nicht so genau, außer, dass sie süße, alkoholfreie Cocktails saugen, und Schritt für Schritt ihre Kindheit aufarbeiten, indem sie die Fehler ihrer Eltern auswerten.

Kathrins Notiz-Blog 6. Juli 09

© Illustration Liane Heinze

Gestern erzählte Leon, dass er in einem Haus aus Pappe geboren wurde, am Rand einer unbedeutenden Stadt. Dort hatte er mit seiner Mutter und seinem Bruder Paul gewohnt. Wenn die Kinder in der Schule Leon oder Paul kommen sahen, spotteten sie: ‚In meim Salon im Karton wächst der Schwomm.’

Leon hatte sich geschworen, das Haus aus Pappe und die unbedeutende Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Mit sechzehn Jahren gründete er die Band Blamage. So hatte er begonnen, seine Flucht vorzubereiten. Blamage zog übers Land. Eines Tages waren sie nach Berlin gekommen. Leon gefiel es hier. „Das Publikum war neugieriger, offener.“ Er hatte die Jungs und die Sängerin von Blamage überreden können zu bleiben. Leon war noch nicht volljährig, als er eine Arbeit als Koch fand. Allerdings kochte er selten. Die meiste Zeit spülte er Geschirr. Leon schrieb seiner Mutter einen Brief. Er lud sie nach Berlin ein. Sie hörte ihren Sohn in den Clubs spielen, reiste aber bald wieder ab. Sie fand seine Musik zum Tanzen nicht geeignet.

„Wann spielst du für mich?“, fragte ich.

„Gleich“, sagte Leon. Es klang müde. Er hatte sich auf den Dielen neben dem Schlagzeug lang gemacht.

„Ich würde das Haus aus Pappe gern sehen“, sagte ich.

„Es steht nicht mehr“, sagte Leon. „Sie haben es weg gerissen und einen Parkplatz dorthin gebaut, und Plattenbauten.“

„Schade. Und deine Mutter? Und Paul?“

„Meine Mutter lebt noch dort, in einem Plattenbau. Paul ist auch weggegangen. Alles hat sich verändert. Meine Kindheit wurde platt gemacht.“

„Niemand kann dir die Kindheit nehmen. Sie ist da. Du hast sie erlebt. Sie ist in dir drinnen. Und du teilst die Erinnerungen mit Paul und deiner Mutter.“

„Du weißt nicht, wie es ist, in einem Haus aus Pappe zu leben“, sagte Leon. „Man erinnert sich nicht gern.“

Ich wusste nicht zu antworten. Ich verstand jetzt Leons Unsicherheit, sein Gefühl, nirgendwohin zu gehören. „Ich habe in einem Haus aus Stein gelebt, aber denk nicht, dass das immer einfach war. Trotzdem: Ich kann verstehen, dass die Erinnerung dich nicht nur glücklich macht, dass du manchmal traurig und wütend bist und dich benachteiligt fühlst. Ich kann das verstehen.“

„Du kannst es nicht verstehen. Du hast nichts erlebt. Du weißt nichts“, sagte Leon. Getroffen! Die Kugel durchbohrte meinen Magen. Ich habe mir niemals ein einfaches Leben gewünscht. Ich habe immer nur eins gewollt: Das Leben kennenlernen. Die Dinge verstehen.
Ich schnappte meine Tasche und ließ ihn da unten neben seinen Trommeln liegen. „Lass mich in Ruhe, ja.  Ich habe keine Lust auf dein beschissenes trauriges Papp-Dasein und deine Schulden.“ Weg war ich.

Ich war froh, dass Jolanda nicht zu Hause war, dass niemand Fragen stellte und alles vorbei war. Von der Straße wehte Lärm aus den Restaurants und Bars. Ich brauche diesen Lärm, ich habe ihn nie so sehr gebraucht wie gestern Abend. Ich brauchte den Sommer, die Hitze und die Leute auf der Straße, die vor Fröhlichkeit kreischten. Ich hatte genug von Leons Schwermut.

Spät in der Nacht rief Jolanda aus dem Ausland an, um mir zu sagen, dass sie bei Sören übernachtet. Sie fragte, ob ich allein bin. „Der erste Streit?“

„Es geht nicht“, sagte ich.

„Verstehe“, sagte sie. „Bleib entspannt.“

Leon klingelte gegen vier. Ich zuckerte ihm die letzten Erdbeeren. Er aß sie mit den Fingern. Im Stehen.

„Liebst du mich?“, fragte Leon.

Ich nickte, aber ich schaute ihn nicht an dabei.

„Glaubst du, dass wir es schaffen, respektvoll miteinander umzugehen?“ Er nahm meine Hand und streichelte sie und machte sie ganz klebrig. Ich nickte wieder. „Bitte sag nie mehr, du könntest mich verstehen. Das ist wie eine Beleidigung, weil du mich nicht verstehen kannst. Es ist eine Lüge.“

Für Leon

„Ich kann nicht aufhören zu schreiben. Ich kann nicht. Und wenn ich sie schreibe, diese Geschichte, dann ist es so, als fände ich Sie wieder…als fände ich die Augenblicke wieder, da ich noch nicht weiß, weder was geschieht noch was geschehen wird…, noch wer Sie sind, noch was mit uns geschehen wird…

Aber ich glaube nicht, dass es unsere Geschichte ist, die ich schreibe. Nach vier Jahren kann sie nicht mehr dieselbe sein…Schon jetzt ist sie nicht mehr dieselbe. Und später wird sie wieder anders sein. Nein…was ich zur Zeit schreibe, ist etwas anderes, in das sie aufgenommen wird, in dem sie sich verlieren wird, etwas vielleicht viel Umfassenderes..Doch sie, unmittelbar, nein, das ist vorbei…das könnte ich nicht mehr…
Sie haben mich nicht angesehen. Ihre Stimme wurde angestrengt. Die Heftigkeit Ihres Blicks ist in einer Art Elend untergegangen. Sie sagen:
Es gibt nichts zu erzählen. Nichts. Es hat nie etwas gegeben.

Manchmal, wenn wir miteinander reden, ist es ebenso schwer wie Sterben. Das ist wahr.

Mir scheint, dass es, wenn es in einem Buch steht, nicht mehr schmerzt…daß es nichts mehr ausmacht. Daß es ausgelöscht ist. Durch die Geschichte, die ich mit Ihnen habe, entdecke ich: Schreiben ist auch das, zweifelsohne: auslöschen. Ersetzen.“ Marguerite Duras

Kathrins Notiz-Blog 30. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Auf der Rolltreppe in den Schönhauser-Allee-Arcaden sprang Leon einige Stufen höher und blickte von dort oben prüfend auf mich herab. Er sagte, es sei ein Test, ob er mich aus der Ferne genauso lieben würde wie aus der Nähe.

Er drängelte an den Leuten vorbei, zurück an meine Seite. „Ich bin absolut sicher”, sagte er. „Heiraten wir?”

„Ich würde jetzt gern allein durch die Stadt schlendern und mir dabei zusehen, wie ich an dich denke”, sagte ich. „Ich brauche diesen VON-WEITEM-Test auch.”

„Aber wir sind ständig voneinander getrennt, den ganzen Tag, wenn du in den Erdbeeren bist.“

„Arbeit zählt nicht. Außerdem rufst du jede Stunde an.“

„Du sagst, du liebst meine Anrufe.“

„Ich liebe sie auch.“

„Also?“

„Ich möchte nur einen Tag lang testen, wie es ohne dich ist, um zu schätzen, wie es mit dir ist“, sagte ich.

Leon schlug vor, einen Kaffee zu trinken. Wir gingen in einen Bäckerladen. „Ich verstehe das nicht: Wir lieben uns. Wieso sollten wir uns freiwillig trennen?“, sagte er.

„Und warum läufst du ein paar Stufen höher auf der Rolltreppe?“

„Das ist etwas anderes. Ich trenne mich nicht von dir. Ich lasse dich nicht aus den Augen. Ich sehe dieses Bild von meiner Frau in der Menge der Menschen und dann weiß ich, was du mir bedeutest.”

Diese Geschichte mit Leon geht mir zu schnell. Aber ich bringe es nicht übers Herz, ihm das zu sagen. Ich bin langsam. Ich habe mir ziemlich viel Zeit gelassen, 38 Jahre alt zu werden. Andere Frauen leiten in diesem Alter eine Schule, eine Abteilung in einem Betrieb oder ein Geschäft. Ich bin eine Erdbeerpflückerin. Und gerade jetzt, wo ich den Bewegungsspielraum von 360° brauche, um zu wissen, wie es in meinem Leben nach der Erdbeerernte weitergeht, ist da plötzlich einer, der keine Luft zwischen meinem und seinem Körper lässt.

„Hey, spielen wir, wir lernen uns gerade erst kennen? Du sitzt hier beim Bäcker und ich mache dich an.“ Leons Augen glühten. Als ich seine Hand nahm, zuckte er zurück, sah mich vorwurfsvoll an. Er stand auf und fragte, ob dieser Platz noch frei wäre. „Bitte sehr“, sagte ich, und schlug ein Magazin auf, das in der Nähe lag. Leon saß sehr steif. Er blickte wirklich verunsichert. Er spielte gut. Er fragte, was es Neues gibt. „Hier steht, dass Michael Jackson niemals wirklich lebte.“

„Glauben Sie das?“, sagte Leon.

„Nein, Sie?“

„Ich kenne niemanden, der in vollerem Maße gelebt hat als er. Er hat alles gegeben. Er hat nach den Sternen gegriffen, weil er geliebt werden wollte.“

„Sie sind ein Romantiker.“

„Na und?“, sagte Leon. Er blickte einer Frau in schwarzen High Heels nach.

„Was für arrogante Idioten, zu behaupten, er hätte niemals gelebt.“

„Ich glaube, sie meinen etwas anderes“, sagte ich.

„Wieso meinen eigentlich alle immer alles anders als sie sagen? Wozu haben wir eine Sprache? Muss ich jetzt immer fragen: Meinen Sie das auch so, wie Sie das sagen?“

„Das sind Journalisten“, sagte ich. „Die müssen provozieren.“

„Das ist doch keine Provokation. Die wissen doch gar nicht, was eine Provokation ist. Michael Jackson war provokant.“

„Die meisten Menschen lesen gern, dass berühmte, erfolgreiche Leute eigentlich Opfer von jemandem waren. Das tröstet die Leute. Die Journalisten wissen das, deswegen tun sie immer wieder so, als seien die schönsten, erfolgreichsten und kreativsten Menschen im Grunde arme Schweine.“

„Die können mich mal, diese Presse-Arschlöcher.“ Leon blickte grimmig auf den Asphalt. „Sollen sie sich ihr verlogenes Fischeinwickel-Papier doch hinten reinstecken.“

Ich nahm seine Hand. „Sie gefallen mir. Bitte rufen Sie mich an.“ Ich kritzelte meine Telefonnummer auf seinen Arm.

Ich lief durch die Straßen und sah mir dabei zu, wie ich an Leon denke. Allerdings kam ich zu keinem Ergebnis, weil ich mich ständig nach dem Mann umschaute, den ich eben im Bäckerladen kennengelernt hatte. Als ich die Treppe zu unserer Wohnung empor stieg, hörte ich drinnen das Telefon klingeln. „Sie haben Ihr Handy im Café vergessen, unter dem Fischeinwickelpapier. Darf ich es Ihnen bringen?“ Ich war erleichtert. Er hatte mir schon gefehlt.

Kathrins Notiz-Blog 28. Juni 09

© Illustration Liane Heinze

Es war ein warmer Abend, grau wie ein Novembertag. Von irgendwo duftete der Wind nach Regen.

„Merkst du, wie die Leute dich anstarren“, sagte Leon, als wir die Schönhauser hoch liefen. „Sie fragen sich, warum eine so schöne Frau mit einem Kerl wie mir herum läuft, mit einem Tier.“ Er drückte wieder seine Locken in die Stirn.

„Du bist kein Tier.“ Ich strich seine Locken wieder aus dem Gesicht. „Das ist kein Fell. Sag mir ehrlich, wo du lebst: Im Humboldthain?“

„Nein.“ Er blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Im Bürgerpark, in einer Weide an der Panke?“

„Wie kommst du darauf?“ Seine grünen Augen stehen etwas vor. Er blickte mich ängstlich an, seine Augen suchten einen Halt in meinem Gesicht.

„Keine Ahnung. Du bist ein bisschen Tier, zur Hälfte, ein Faun.“

An diesem Abend lud er mich in seine Garage ein. Eine Werkbank stand darin, ein Küchenbuffet, wie sie vor hundert Jahren die Wohnküchen der Arbeiterfamilien geschmückt hatten, und jede Menge Kartons und Kisten und Fahrräder. An den Wänden hingen Rahmen. Wie Leon sich in den engen Gängen zwischen der Werkbank und den Kisten und Kartons bewegte, wie er den Rahmen an den Wänden auswich, wie er hinter dem Buffet verschwand und kurz darauf mit zwei Liegestühlen wieder auftauchte, wie er sich bei der Spinne entschuldigte, deren Netz er dabei zerstört hatte, wie er ihr mit nervösen Blicken folgte, als sie gemächlich über den Betonboden krabbelte, und den Raum um sie weiträumig mit den Armen abschirmte – “Vorsicht!“  – „Ich habe keine Angst vor Spinnen.“ – „Aber dass du sie nicht zertrittst.“ –  war klar, dass dies sein Zuhause war, seine dritte Haut, die ihm wie angegossen saß.

In den Kartons entdeckte ich Fahrrad-Trikots aus dem letzten Jahrhundert, original verpackt in knisternden Tüten, Rundstrick in leuchtenden Nationalfarben, Polokragen, Ärmel mit Bündchen, Wappen auf der Brust. Made in Italy. Made in France.

„Was machst du damit?“

„Ich weiß noch nicht.“ Er schaute in die Kartons. Er trat auf der Stelle wie ein junges Pferd. „Hier, das ist für dich.“ Er zog ein winziges Sprinterhöschen aus grüner Baumwolle mit weißen Paspeln hervor, es war nicht verpackt. „Schön, nicht?“ Ich nickte, zog meine Jeans aus und schlüpfte hinein. Es passte. „Steht dir gut“, sagte er.

„Als Kind habe ich alte Kleider gesammelt. Ich habe sie in einer Kiste auf dem Boden aufbewahrt. Mein schönstes Kleid stammte aus dem 19. Jahrhundert. Ein schwingender Rock mit Volant und tausend winzige Haken am Oberteil.“ Leon interessierte sich für die Haken. „Zeig noch einmal: Wie hast du sie geöffnet?“

„Irgendwann war mir meine Sammlung unwichtig geworden, ich hatte sie aus den Augen verloren, meine Eltern haben die Sachen weg geworfen, ohne mich zu fragen. Mir ist es nicht einmal aufgefallen.“

„Ich hasse es, wenn andere entscheiden, was einem wichtig ist“, sagte Leon und erzählte von den Spielsachen, die sein Bruder Paul weg geworfen hatte, als das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatten, platt gemacht worden war. „Meine Mutter hat nie etwas weggeworfen. Sie hatte vor den kleinsten Dingen Respekt.“

Ich erinnere mich, ein Theaterplakat von Jolanda bei einem Umzug weg geworfen zu haben, weil es ganz verblichen war und voller Flusen. Jolanda hat mir das nie verziehen.

„Seltsam, ich erinnere mich wirklich nicht mehr an den Tag, an dem mir aufgefallen ist, dass die Kleider verschwunden sind. Vielleicht waren sie nicht mehr wichtig für mich? Aber sie waren mir doch wichtig. Ich hatte auch einen echten japanischen Papierschirm. Ich habe diesen Schirm sehr gemocht. Seltsam.“

Wir saßen auf der Werkbank zwischen den Rennfahrer-Trikots und – Höschen aus dem letzten Jahrhundert und tranken Erdbeerbowle. Meine Beine sahen käsig aus neben Leons.

„Wann spielst du für mich?“

„Warte.“ Leon sprang von der Werkbank. Er klappte seinen Laptop auf. „Ich werde dir etwas zeigen. Das ist meine Band: Blamage. Er nickte zum Garagentor hin, an dessen Innenseite ein schwarz-weißes Poster seiner Band Blamage hängt. „Diese Aufnahme ist von 1984.“ Er schob die CD in den Computer. „Wir waren so daneben,“ sagte er glücklich und schüttelte den Kopf wie ein Hundertjähriger.

Eine dunkle Frauenstimme rief aus einer tiefen Tiefe, aus einer Verzweiflung. Sie wurde begleitet von einem düsteren Grollen. Die Stimme erzitterte, sie brach, das Grollen blieb und steigerte sich. Das Grollen, das war Leon an seinem Schlagzeug, 1984.

Er hockte im Dunkel der Garage. Seine Augen waren jetzt ruhig. Sie blickten gespannt auf meine Reaktion. Sie schienen aus derselben Tiefe zu blicken, aus der auch die Stimme der Frau kam. Ein seltsames Gefühl beschlich mich, ein Gefühl großer Fremdheit. Oder war das die Einsamkeit? Ich fühlte eine kalte, nasse Höhle sich in mir ausbreiten. Ich begann zu frieren und wollte flüchten. Draußen zwitscherten die Vögel. In der Tiefe der Garage funkelten Leons Augen. In diesem Augenblick fürchtete ich, er könne wahnsinnig sein. „Ist nicht so mein Ding“, sagte ich, schob mich von der Werkbank und lief nach draußen in den Garten. Leon grinste. „Ich zeige dir noch etwas anderes.“ Er wählte ein neues Lied aus. Ich blieb im Garten, warf mich in einen der Liegestühle, schloss die Augen. Ich wäre am liebsten abgehauen. Ich mochte den Abend nicht mehr. Der nächste Song ähnelte dem ersten, war etwas rockiger, aber wieder tönte die Stimme dieser Gefangenen und nahm mich zurück in die Garage, in das kühle Dunkel, in die feuchte Höhle, in die Angst vor Leons Wahnsinn.

„Es macht mir Angst.“

Leon warf die CD aus.

„Es ist gut, es ist stark, es macht mir Angst, ich weiß nicht, warum ich es nicht aushalte. Ich wollte nicht respektlos sein. Es ist immerhin deine Musik, sie interessiert mich….“ Mein Versuch, etwas nettes zu sagen, wirkte wahrscheinlich nicht sehr überzeugend.

„Wir waren so daneben“, sagte Leon wieder. Ich fühlte mich schuldig.