Ach, du machst Elternzeit?

Berliner Zeitung

Der Filmregisseur Robert Thalheim war auf dem Weg zum Spielplatz, als ihn eine kurze Begegnung schwer verunsicherte

Foto: © Ali Ghandtschi

Der Tag begann wie immer. Ich räumte das Frühstücksgeschirr weg und packte Karl für unseren Spaziergang warm ein. Mein Sohn Karl war sechs Monate alt und ich war gerade in der Elternzeit. Als Karl geboren wurde, war für meine Frau und mich klar, dass wir uns die Elternzeit teilen. In unserem Freundeskreis gab es noch keine Kinder, niemand konnte uns von seinen Erfahrungen erzählen, aber die allgemeine, gesellschaftliche Stimmung war so, dass man dachte: Das machen jetzt alle.

Meine Frau arbeitet als freie Literaturübersetzerin und Dramaturgin. Ich hatte meinen Film „Am Ende kommen Touristen“ fertig, der gerade  in die Kinos kam. Das passte gut. In dem halben Jahr Elternzeit wollte ich, immer wenn Karl schläft, an meinem nächsten Drehbuch arbeiten.

Es wurde nichts mit dem Drehbuch. Meine Frau hatte kurz nach der Geburt einen Übersetzungsauftrag angenommen. Damit sie in Ruhe arbeiten konnte, drehte ich täglich mit dem Kinderwagen eine Runde in Pankow, klapperte den Kiezladen und die zwei Spielplätze im Park ab, dann lief ich wieder zurück und kochte für uns frisches Essen. Wenn Karl mal eine halbe Stunde schlief, schlief ich auch. An Arbeit war nicht zu denken.

Es war Herbst geworden. Ich trat aus dem Haus und überlegte, ob Continue reading

Waynes Song

Berliner Zeitung

Die Sängerin Velve erzählt, wie sie in Afrika ihre Stimme wiederfand

© Foto Sandra Myhrberg


Als ich das erste Mal afrikanischen Boden betrat, spürte ich sofort die urwüchsige Energie dieser Erde. Sie fühlte sich so tief an und so alt. Instinktiv erfasste ich sofort, dass der Aufenthalt in Afrika mein Leben verändern wird.

Ich war nach Simbabwe gekommen, um Reportagen für den Fernsehsender zu machen, bei dem ich damals als Journalistin arbeitete. In den ersten Tagen bewegte ich mich hektisch, typisch europäisch. Man hatte mir zwar geraten, wegen der Hitze alles dreimal so langsam zu tun wie in Europa, aber dazu war ich gar nicht in der Lage. Ich war 27 Jahre alt und befand mich seit Jahren in einem Arbeitsrausch.

Die Menschen in Simbabwe kommen immer gleich zur Sache. Du kannst nicht in einen Laden gehen und ein Moskitonetz kaufen, ohne mit dem Verkäufer ein paar Sätze zu wechseln. Ihre einfachen Fragen holten mich auf den Boden zurück. Ich hatte ja gar nicht bemerkt, wie entwurzelt ich war. Afrika, das ist das Chakra Nummer eins: Leben oder Sterben. Nehmen oder gehen lassen. Dieser starke Impuls ließ mich nicht mehr los. Ein Jahr nach den Dreharbeiten kehrte ich nach Harare zurück.

Die Hauptstadt Simbabwes liegt mitten im Dschungel. Es herrscht eine dampfige Hitze. Man ist überall von Pflanzen und Tierstimmen umgeben, aber auch von der Musik, die an jeder Straßenecke aus einem Ghetto blaster quillt. Die Autos und das Stimmengewirr der Menschen sind viel lauter als in einer europäischen Stadt. In den lärmenden Straßen wurde mir bewusst, was ich unscharf bereits bei meinem ersten Besuch gefühlt hatte: Ich wollte wieder Musik machen.

Ich bin mit Musik aufgewachsen. Mein Vater ist Gitarrist, mein Stiefvater Schlagzeuger. Als kleines Kind begleitete ich sie auf Konzerte. Mein Vater brachte mir Gesang bei. Es gibt Aufnahmen, wie ich getriezt wurde, einen Refrain wieder und wieder zu singen. Ich lernte Klavier und Gitarre, die beiden Instrumente, mit denen ich heute meine Songs komponiere. Hätten meine Eltern mich nicht gezwungen, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, wäre ich mit sechzehn Jahren nach London gegangen, um in dem Musical „Hair“ aufzutreten. Meine Eltern erteilten dem Produzenten, von dem dieses Angebot gekommen war, jedoch eine Absage. Heute weiß ich, dass es eine gute Entscheidung war. Nach meiner Ausbildung habe ich in der Werbeabteilung eines Radiosenders gearbeitet und später die journalistische Laufbahn eingeschlagen.

Eines Abends entdeckten mein Begleiter und ich im Zentrum Harares, in der Nähe eines Marktplatzes einen schäbigen Schuppen, aus dem Musik drang. Es war ein Jazzclub. Drinnen sah es eigentlich genauso aus wie in einem Club in Berlin. Vielleicht etwas ärmlicher. Die Musikanlage war nicht gerade auf dem neuesten Stand. Wir tanzten ein bisschen. Die ganze Zeit beobachtete mich ein Mann, ungefähr so alt wie ich. Er trug Rastalocken und ziemlich hippe Klamotten. Er sah aus wie ein VIVA-Moderator. Schließlich kam er auf mich zu und sagte: „Hi, ich bin Wayne. Ich bin Musiker, aus Köln.“ Ich war völlig verblüfft und sagte: „Ich auch.“ Das stimmte nicht ganz. Ich war zu dieser Zeit noch keine Musikerin. Ich wollte aber unbedingt eine werden. Wayne hatte allerdings auch nicht die Wahrheit gesagt. Er kam gar nicht aus Köln. Er wollte aber unbedingt dahin. Wir hatten aber auch nicht ganz gelogen. Ich nahm bereits wieder Gesangsunterricht. Wayne hatte eine deutsche Mutter. Er war schon einmal in Deutschland gewesen, um seine Mutter zu finden.

Gemeinsam zogen wir weiter durch die Nacht. Wayne führte uns zu einem Club, in dem auch Techno gespielt wurde. Ich war damals total auf Techno und vermisste es in Harare. Mir fiel auf, dass die Tanzfläche sich leerte, sobald Techno aufgelegt wurde. Wayne sagte, dass Techno nicht so beliebt sei bei den Schwarzen. Das passte zu dem Bild, das ich von Afrika hatte. In schwarzer Musik geht es um Gefühl. Sie kommt aus dem Bauch, ist stark körperbezogen. Techno hingegen ist der Ausdruck unserer völlig überdrehten, überhitzten, hektischen Industriewelt. Damals begann ich neu über elektronische Musik zu denken, die bis dahin meinem Lebensgefühl am stärksten entsprochen hatte.

Wayne zeigte uns die Stadt. Er führte uns an Orte, an die normalerweise kein Tourist kommt. Manchmal musste er verhandeln, ob wir in einen bestimmten Club oder in ein Restaurant auch hinein durften. Er sagte dann: „Die sind cool. Das sind meine Freunde.“ So ungefähr. Für Wayne war das Leben in Harare nicht idyllisch. Es finden dort jeden Tag Straßenkämpfe statt. Man kann schnell in eine Schlägerei verwickelt oder ausgeraubt werden. Ich habe die Angst in seinen Augen gesehen, wenn wir unterwegs waren. Er war ständig auf der Hut. Wir haben viel über das afrikanische Lebensgefühl gesprochen. Alles ist ein bisschen lockerer, aber die Angst läuft immer mit. Wayne sparte auf sein Flugticket nach Deutschland, indem er alte Autos reparierte und teuer verkaufte.

Einmal fuhren wir im Auto raus aus der Stadt. Wir sangen die ganze Zeit. Wayne sagte: „Du hast eine Superstimme! Lass uns einen Song aufnehmen!“ Am nächsten Tag nahm er mich mit in sein Studio. Es befand sich in einem Haus am Rande der Stadt. Das war keine der großartigen Villen, in denen die weißen Rhodesier früher gelebt hatten, sondern ein einfaches Haus. Ein Freund von Wayne wohnte dort. Sie teilten sich das Wohnzimmer-Studio. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wo Wayne zu Hause war. Vielleicht hatte er gar kein Zuhause. Wir waren ständig unterwegs. Immer kannte er irgendwo einen Typen. Dann gingen wir dort essen oder tanzen. Überall machte er seine kleinen Geschäfte. In dem Aufnahme-Studio sah es aus wie in einer Londoner WG. Auf dem Boden lag ein versiffter Teppich. Darauf standen Second-Hand-Möbel, die nicht zusammen passten. Die technische Ausrüstung war ziemlich alt. Diese Aufnahme mit Wayne hat mein Innerstes berührt. Er rappte. Ich sang. Wir improvisierten. Es war sehr ernsthaft, auch wenn wir viel lachten. Wenige Tage später lief unser Song im Radio. Ich konnte es kaum fassen.

Im Flieger zurück nach Deutschland fiel ich in einen leichten Schlaf. Jemand sagte zu mir: Du musst deine eigene Musik machen! Ich erwachte und dachte während des ganzen Fluges über den Traum nach. Er war so intensiv gewesen. Ich war sicher, dass die Botschaft von Wayne kam. Er hatte gesagt, dass ich weiter machen muss, nicht den Mut verlieren soll, dass ich eine wunderbare Stimme habe.

Später erzählte ich Wayne am Telefon von meinem Traum. Wayne war traurig, denn eines seiner Autos war geklaut worden. Seine Traurigkeit ging mir zu Herzen. Schon am Flughafen hatte es mir weh getan, seine Traurigkeit zu sehen, als wir voneinander Abschied nahmen. Ich beschloss, ihm den Flug nach Köln zu bezahlen. Mir ging es finanziell recht gut. Es war kein Drama für mich, ihm das Geld zu leihen.

Waynes war kaum in Deutschland angekommen, da schleppte er mich mit zu einer Jam-Session mit verschiedenen Künstlern, die er in Deutschland kannte, unter anderem einer Band, die gleich bei mir um die Ecke wohnte und Clueso, der damals noch ganz unbekannt war. Wayne unterstützte mich. Es war ein großer Respekt zwischen uns. Er sagte zu den anderen: „Ich möchte, dass sie jetzt singt und sich auslebt und ihr nehmt es bitte auf, damit sie sich das anhören kann.“ So entstanden die ersten eigenen Ideen. Wayne hat mich später noch mit vielen anderen Musikern zusammen gebracht, durch die ich in Kontakt mit bekannten Künstlern kam und immer stärker wahrgenommen wurde. Inzwischen haben wir uns aus den Augen verloren. Aber ich denke oft an ihn.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre schwarz. Andererseits möchte ich zu dem stehen, was ich bin: eine Norddeutsche. Echt blond. Bei uns ist das Wetter oft schlecht und es entsteht diese düstere, aber sehr poetische Musik. Dennoch steckt Afrika in meinem ersten Album. Der Song „Man“ zum Beispiel, den ich übrigens zusammen mit Wayne geschrieben habe, ist von der Intensität und dem Tempo eines schamanischen Gebets inspiriert. Ich lasse mich nicht von kommerziellen Aspekten verrückt machen, nach dem Motto: Zwischen 6 und 9 müssen wir die Radiohörer wach kriegen, da nehmen wir mal 120 Beats. So wird Musik oft gemacht. Ehrlich. Ich mache meine Musik überhaupt nicht so. Afrika hat mich gelehrt, entspannt und bei mir selbst zu bleiben.

Kathrins Notiz-Blog 30. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Ich komme zehn Minuten zu spät zu unserer Verabredung ins Café Sibylle. Zwei Männer sitzen allein im Café. Der Philosophiestudent mit dem Zopf, der in einem Reclam-Bändchen liest, kann es nicht sein, also ist es der hinter der Berliner Zeitung.

„Guten Tag“, sage ich. Ein junger Mann mit hellbraunen Locken springt hinter der Zeitung hervor und streckt mir seine schmalen, blassen Finger entgegen. Helle Augen hängen wie Regentropfen in seinem Gesicht und geben ihm einen melancholischen Ausdruck.

Ich habe mir einen Dreißigjährigen, der in der Karl-Marx-Allee eine Vier-Zimmer-Wohnung kauft, selbstbewusster und kräftiger vorgestellt. Warum eigentlich? Dort, wo die Berliner Zeitung auf der Kaffeetasse liegt, saugt sie sich gerade voll Milchschaum. Der Däne – er heißt Synne – reißt sie ungeschickt weg und faltet sie liederlich zusammen. Während ich noch überlege, was ich statt einem blöden Aufwärmsatz wie: Ich freue mich, dass Sie mir ihre Wohnungseinrichtung anvertrauen! sagen könnte, beginnt Synne schon von sich zu erzählen. Er spiele Bratsche, unter anderem bei den Berliner Philharmonikern. Er sei ein freier Künstler, komponiere auch und würde am liebsten dauerhaft in Berlin bleiben, habe aber noch ein Engagement in Kopenhagen, so dass er gezwungen sei zu pendeln. „Für einen Komponisten gibt es keine bessere Stadt als Berlin“, sagt er. Ich nicke und freue mich, aber die Lobhudelei auf Berlin wird mir langsam unheimlich. Ich frage mich, ob die vielen Zureisewilligen sich während ihrer Aufenthalte wirklich in derselben Stadt wie ich bewegen oder ob ich das Beste an Berlin verpasse? Der Däne sagt, es sei ihm eigentlich völlig egal, wie die Wohnung aussieht. Er habe einfach keine Lust, das selbst zu machen. Zum Komponieren brauche er eh nur einen Arbeitstisch mit Blick auf die Karl-Marx-Allee. „Das lässt sich machen“, sage ich. Ich frage, an wen er die Wohnung vermieten will, wenn er selbst nicht in Berlin ist. „An Musiker wie mich“, sagt er. „Da gibt es eine Menge, die für ein paar Tage in die Stadt kommen und nicht in ein Hotelzimmer eingesperrt sein wollen.“

„Vielleicht sind die auch so anspruchslos wie Sie. Dann lohnt sich der ganze Aufwand gar nicht.“

Synnes Regentropfenaugen werden schwerer. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Auch wenn man es nicht braucht, selbst wenn man es nicht will, ist es dennoch schön, nach Hause zu kommen in Räume, in denen man sich gut fühlt. So ist es auch, wenn ich meine Eltern in ihrem Sommerhaus besuche. Es ist so groß. Jedes Mal denke ich, dass am Abend noch Gäste kommen werden. – Genau!“ Synnes Mundwinkel klappen auf beiden Seiten seiner schmalen Lippen im rechten Winkel nach oben. „Eine große Wohnung gibt das Gefühl, als käme gleich noch jemand vorbei“, sagt er mit einem freundlich, naiven Kindergesicht.

Wir verabreden uns wieder in einer Woche. Dann werde ich Entwürfe und den Kostenvoranschlag dabei haben. Synne reicht mir seine schmalen Finger und verbeugt sich leicht.

Das Möbelhaus, in dem ich unseren Wandschirm gekauft habe, ist nicht weit vom Café Sibylle entfernt. Wie damals nehme ich den Lift, lasse mich zwischen den Regalen und Polstermöbeln dahin treiben und denke mir Räume für Synne als Versicherung gegen die Einsamkeit aus. Ein Sofa mit einem olivgrün karierten Bezug gefällt mir. Das könnte seine Farbe sein. Grün an sich ist jung und ungeduldig, die Farbe des Aufbruchs und der Wut, aber der schlammige Ton dämpft die Aufregung. Wenn jemals ein Sofa versprechen kann, dass gleich noch jemand vorbei kommen wird, dann dieses. Ich messe aus.

Als ich auf dem Teppichboden des Einrichtungshauses hocke und das schlamm – und olivgrün karierte Sofa an die Wand gegenüber der geöffneten Glastür zu Synnes Arbeitszimmer zeichne, so dass sein Blick darauf fällt, bevor er sich zum Komponieren an den Schreibtisch setzt, ruft Kolja an. Er fragt, ob ich am Abend Lust habe, mit ihm „raus“ zu fahren. Ein paar Sekunden bin ich wie gelähmt. Ellas Porträt auf Koljas Monitor treibt durch meine Gedanken. Ohne nachzudenken sage ich ja.

Die Dame von der Espresso-Bar stellt ein Glas Sprudelwasser vor mich auf den Teppich. Durch die großen Glasscheiben blicke ich nach draußen auf die blendenden Wolken.
Ich nehme einen Schluck Wasser. Und noch einen. Plötzlich schmeckt das Leben wie dieses Wasser, das ich trinke ohne Durst, einfach nur, um meine Vorräte aufzufüllen. Es ist wie ein Spiel. Ganz einfach. Als würde ich nie wieder Durst bekommen, wenn ich auf diese Weise weitermache. Ich hatte nicht bemerkt, wie sehr ich mich nach Kolja gesehnt habe. Da ist auch Angst. Die Angst um Ella und ihre Mutter wird zur Angst um mich selbst. Seltsam. Ich darf Kolja nicht zuviel Raum geben. Ich schaue auf den Entwurf zwischen meinen Knien. Keine Regale, denke ich. Nichts Anstrengendes. Lieber Sideboards und einige Bilder an den Wänden. Und irgendwo ein Fahrrad.

Sir, ich habe auf Sie gewartet!

Berliner Zeitung

Der Fotograf Thomas Sandberg erinnert sich daran, wie er Peter Ustinov fotografieren sollte und ihn nicht fand


© Foto Thomas Sandberg

Ustinov gibt im Theater in Hannover ein Autogramm; Sandberg hat es fotografiert.

Es war ein ungemütlicher, kalter Sonntag im März des Jahres 1994, als ich im Auftrag der englischen Tageszeitung The Independent nach Hannover fuhr, um Sir Peter Ustinov zu fotografieren. Um elf Uhr waren wir in seinem Hotel verabredet. Ustinov tourte gerade mit einer Unterhaltungsshow durch Deutschland. Zwei Abende vorher war er in München aufgetreten.

„Peter Ustinov wohnt nicht hier“, sagte der Mann an der Rezeption. Ich glaubte ihm kein Wort. Es war doch ausgeschlossen, dass die Kollegin in der Hamburger Agentur, die den Auftrag vermittelt hatte, mir die falsche Adresse genannt hatte. Ich beschloss, es später noch einmal zu versuchen und verzog mich in ein Café, das dem Hotel direkt gegenüber lag. Das Café war an diesem Sonntagvormittag fast leer. Die Trostlosigkeit hatte sich wie kalter Rauch darin festgesetzt. Es war wie die ganze Gegend an der Hildesheimer Straße nicht einmal hässlich zu nennen. Diese Häuser, denen man nicht erlaubte zu altern, sondern immer wieder sauber angestrichen hatte, erzeugten in mir ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Sie brauchen keinen Fotografen, dachte ich, denn ein Foto will die Spuren des Alterns, die verlorene Zeit, festhalten. Ich rauchte, trank Kaffee, rauchte wieder und hing meinen Zweifeln nach. Das Hotel drüben war modern, vier oder fünf Sterne, nicht schlecht also, aber der ausruckslose Bau erschien mir einem Gast wie Peter Ustinov völlig unangemessen. Ich fragte mich, worauf ich eigentlich noch wartete. Ganz offensichtlich war in der Absprache etwas schief gelaufen. Aber es war ein Sonntag. Ich konnte in der Agentur nicht rückfragen.

Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits für deutsche und internationale Magazine. Als die Kollegin aus der Focus-Agentur in Hamburg angerufen hatte, war ich zuerst nicht bereit gewesen, den Auftrag anzunehmen, denn die Arbeit für Tageszeitungen ist für freie Fotografen finanziell nicht besonders attraktiv. Allein die Reisekosten drohten das Honorar aufzufressen. Andererseits: Wann würde ich wieder die großartige Gelegenheit haben, Peter Ustinov zu fotografieren? Jeder hat ein paar Schauspieler, die er besonders mag. Bei mir sind das Laurence Olivier, Alec Guinness und ja – eben Peter Ustinov. Ich liebe ihn in Topkapi und als Kommissar Poirot in den Agatha-Christie-Verfilmungen. Weil ich ein wirklicher Verehrer seiner Kunst bin, nur deshalb habe ich schließlich zugesagt.

Nach zwei Stunden ging ich rüber in das Hotel und fragte den Mann am Empfang, ob er etwas von Ustinov gehört hätte. Etwas genervt schaute er nach. Da hätte es eine Buchung gegeben, sagte er, aber Ustinov sei nicht angereist. Mein Misstrauen blieb. Warum sollte sich dieser glatte, uniformierte Rezeptionist überhaupt mit meiner Fragerei befassen? In seinen Augen war ich nur ein Fotograf.

Ich fuhr zum Flughafen. Zuerst fragte ich nach dem Flieger aus München, dann aus London. Die Stewardessen schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Peter Ustinov war in keiner Maschine gewesen. Ich fiel in ein Loch aus Selbstzweifeln. Es war nicht einmal die Angst zu versagen. Ich hatte bereits versagt. Ich hatte ihn nicht gefunden. Der Tag war gelaufen.

Aber ich tat, was jeder Fotograf, der seine Arbeit ernst nimmt, auch unter den widrigsten Umständen tut: Ich blieb und wartete. Ich hatte eine letzte, kleine Chance. Den Spielort wusste ich und ich hatte auch in Erfahrung gebracht, dass die Show nicht abgesagt war. Die Stadthalle in Hannover ist ein rotundenartiger Bau aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Autos ziehen im Kreis ringsherum. Ungefähr eine Stunde vor Beginn der Show stellte ich mich an den Bühneneingang. Mit mir wartete eine Traube von Autogrammjägern. Die sahen nicht aus, als seien sie alle Ustinov-Fans. Die meisten machten wahrscheinlich Geschäfte mit Autogrammkarten. Ich fürchtete, dass die Autogrammhändler mir auch noch die letzte Gelegenheit vermasselten. Eine halbe Stunde später fuhr ein Auto vor. Vom Beifahrersitz sprang ein junger Mann im grauen Abendanzug und öffnete Ustinov die Tür des Fonds. Ein weiterer, älterer Herr stieg auf der anderen Seite aus. Alle drei kamen schnell auf uns zu, Ustinov in schwarzem Anzug und Fliege. Ich stand direkt an der Eingangstür. Als er nahe genug war, schrie ich: „Sir! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet! Wo waren Sie?“ Ich hatte zunächst auf Englisch geschrien, dann, als mir eingefallen war, dass er perfekt deutsch spricht, weiter auf Deutsch. Dieses Gebrüll war wirklich unhöflich, aber Ustinov muss die Verzweiflung darin wahrgenommen haben. Er reagierte keineswegs empört, sondern gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich war den ganzen Tag im Hotel“, sagte er mit einem gelassenen Lächeln. „Aber wo?“, fragte ich, immer noch völlig aufgebracht. Er nannte den Namen. Es war natürlich ein anderes.

Ustinov betrat nur kurz die Garderobe, dann ging er zur Bühne. Er setzte sich auf eine Art Barhocker und begann vor sich hin zu brabbeln. Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt Worte waren, die er von sich gab, oder nur Laute, um seine Lippen aufzuwärmen. Wenn ich fotografiere, höre ich nicht wirklich zu. Die Beleuchter richteten das Licht ein. Und plötzlich erschien eine junge Frau in einem netten, kleinen Rock. Sie war eine der Garderobenfrauen. Sie hatte ein Plakat zum Signieren mitgebracht. Ein echter Fan. Ich kniete mich vor die beiden. Ihr Gesicht brauchte ich nicht, aber ihre Beine im Minirock neben dem alten Ustinov, wie er seine Unterschrift auf das Plakat setzt, gefielen mir.

In der Pause konnte ich Ustinov kurz in seiner Garderobe besuchen. Er saß an einem Tischchen, auf dem Mineralwasserflaschen und ein altes Tastentelefon standen. Das Interieur passte hervorragend zu meinen traditionellen schwarz-weiß-Fotos. Ustinov sah meine Leica und erzählte von einem berühmten japanischen Fotografen, der auch mit Leica fotografiert und zu ihm gesagt hatte: „I dont like these japanese shit, prefere german cameras!“ Ustinov imitierte seinen Akzent. Wir lachten. Dann begleitete mich der Assistent wieder nach draußen. Ustinov brauche noch etwas Ruhe. Ich hatte nicht mehr als zehn Minuten mit ihm verbracht.

In der Woche darauf rief mich der Bild-Chef des Wochenendmagazins des Independent, Colin Jacobson, an und bedankte sich für die tollen Fotos. Sie hätten beschlossen, eine längere Magazin-Geschichte daraus zu machen. Ich bekam sogar noch ein ganz gutes Honorar. Ich bedankte mich, dass er meinen „Old School“ – Fotos in seinem berühmten Magazin einen Platz einräumte.

Old School sage ich, weil diese Art der Reportage-Fotografie damals in deutschen Magazinen schon nicht mehr gefragt war. Wenige Stunden, bevor ich Ustinov in Hannover fotografiert habe, hatte ein Kollege von mir, mit dem ich heute persönlich befreundet bin, ihn in München getroffen. Sein Foto erschien in Farbe auf der Doppelseite eines bekannten Magazins. Peter Ustinov sitzt in einem Studio und hält sich einen Lorbeerkranz über den Kopf. Ein typisches Beispiel für die neue inszenierte Fotografie. Ich mochte dieses Foto nicht, weil es am Schreibtisch entworfen wurde. Ich glaube nicht, dass es in der Fotografie einen solchen Weg vom Gedanken ins Bild gibt. Die Wirklichkeit hat weit mehr zu bieten, als ich mir am Schreibtisch ausdenken kann. Als Fotograf habe ich die Oberfläche, das, was der Typ aufgrund seiner Körperlichkeit, seines Gesichts, seiner ganzen Person kommuniziert. Ich brauche den übergeordneten Gedanken eines Redakteurs oder Autors nicht. Was mir da vorgeführt werden soll, überlagert das Vorhandene nur, macht es unzugänglich und führt dazu, dass wir das genaue Hinsehen verlernen. Denn der Lorbeerkranz über Ustinovs Haupt ist doch schon vorhanden. Man muss da nicht so plump nachhelfen.

Ich erzähle die Geschichte oft meinen Studenten an der OSTKREUZ-Fotoschule. Einmal sagte ein Student, Erfolg sei planbar. Ja, vielleicht, wenn man ohne Wagnis, ohne Risiko, allein einem gedanklichen Konzept folgt. Aber ein gutes Zeitschriftenfoto zu finden ist eine Form der Kunst, also höchst riskant. Der Fotoreporter berichtet auf persönliche Weise, was er erlebt, ebenso wie Kisch, Döblin oder Polgar es mit Worten getan haben. Es war damals mein Glück, dass die Briten ein bisschen konservativer sind.

 


Held der Arbeit

Berliner Zeitung

In Wieland Giebels Buchladen Berlinstory werden nicht nur die Kunden glücklich – sondern auch die Angestellten


Die Berlinstory Unter den Linden 26 ist keine schöne Buchhandlung. Wahrscheinlich ist sie die hässlichste der Stadt. Gleich am Eingang quellen dem Besucher Ampelmännchen und T-Shirts mit Bärennasen entgegen, gefolgt von Nofretete- und Friedrich – Büsten aus Marmorstaub und Alabastergips, in diesem Jahr auch Luisen in allen Größen, gleich neben den Trabis. Es folgen mehrere Stapel dünner Broschüren mit teilweise dünnen Informationen über die Geschichte Berlins. Der Verkaufsschlager „Die Berliner Mauer 1961-1989“, ein Heft mit knapp erläuterten Fotografien aus dem Landesarchiv Berlin, erhältlich in 10 Sprachen, ist zu einem dicken Klotz vom Boden bis in Brusthöhe gestapelt. 9,80 Euro – Geschichte light für den Easy-Jetter.

Die erste Irritation geht von der Kassiererin aus. Obwohl ziemlich viel los ist, bleibt sie freundlich. Ihre Freundlichkeit ist weder angestrengt noch laut, sondern natürlich. Befinden wir uns wirklich in einem Touristenladen Unter den Linden? Kein Zweifel.

In den Sommermonaten ist jedes zweite verkaufte Buch ein fremdsprachiges. Der Tourist wird an den Bücherstapeln zur Linken entlang in das Café verführt. Berliner schweifen nach rechts zu den Büchertischen und Regalen. Dort differenziert und vertieft sich der Blick auf Berlin. Es geht um einzelne Bezirke und kulturelle Ereignisse. Das Angebot ist nach geschichtlichen Epochen und Sonderthemen wie Küche, Krimis und Kinderbücher sortiert. Der Blick einer älteren Dame fliegt hastig über die Neuerscheinungen zu den Hohenzollern. „Hab ich schon…hab ich auch schon“, raunt sie ihrer Begleiterin zu. „Ich gehe hier nicht ohne was raus.“ Ihr Blick bleibt an dem Bildband „Der grüne Fürst“ hängen, streift die Potsdamer Pomologischen Studien und die Friedhofs-Reihe der Edition Luisenstadt. In einem unteren Fach entdeckt sie ein vergessenes Bändchen „Wilhelm II. in Doorn“, Staub wirbelt auf, als sie danach greift. Sie blättert eine Seite auf, wirft es zurück.

Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory, steht hinten am Tresen, hinter dem seine Buchhändler recherchieren und Bestellungen abwickeln. Er ist groß und schlank. Mühelos überblickt er sein Geschäft. Sein kurzes, drahtiges Haar ist weiß. Giebel ist sechzig Jahre alt. Er blickt in seinen Laden, als denke er darüber nach, wieder zu gehen. Den cognacfarbenen Lederblouson hat er noch nicht abgelegt.

„Die Kassiererin heißt Susanne Roder“, sagt Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory. „Sie hat ein rotes Rennrad, das nicht draußen stehen darf, weil es ein ganz besonderes Rad ist. Deshalb müssen wir jeden Tag einen Platz hier drin finden.“ Giebel klingt, als würde er lieber draußen in der Sonne Unter den Linden entlang flanieren, mit Tagebuch und Kamera, seinen ständigen Begleitern, um anschließend bis zum Feierabend an seinem Berlinstory-Blog zu schreiben.

Zu seinem Unternehmen gehören außer der Buchhandlung mit Café ein Theatersalon im Untergeschoss, in dem an fünf Tagen in der Woche gespielt wird und der Berlinstory-Verlag auf der Galerie über seinem Kopf, in dem alle zwei Wochen ein neues Buch erscheint. Im August findet wieder die Historiale statt, Giebels eigenes Geschichts-Festival, mit Kino, Führungen, Vorträgen und einer Party. Thema sind in diesem Jahr die Zwanzigerjahre. Im Oktober eröffnet im Untergeschoss das Berlinstory-Museum. Auf 1.600 Quadratmetern regiert Wieland Giebel über 30 Mitarbeiter. Pro Jahr macht seine Buchhandlung 2,4 Millionen Euro Umsatz. Die Berlinstory hat an jedem Tag des Jahres geöffnet. Und Giebel steht am Tresen und plaudert über das rote Rennrad der Kassiererin.

Giebel sagt, es sei eines seiner wichtigsten Anliegen, dass seine Mitarbeiter zufrieden sind. Er möchte, dass sie ihre Begabungen entwickeln, auch über ihre eigentlichen Arbeitsbereiche hinaus. „Jobenrichment“, sagt Giebel. Nach dem Management-Lexikon von Dr. Kraus und Partner bezeichnet „Jobenrichment“ das Bemühen, die Aufgaben eines Mitarbeiters interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, bzw. den Arbeitsbereich durch qualitativ höherwertige Aufgaben auszuweiten. Aus Giebels Mund klingt dieser Begriff aus der Etage der Menschenverwalter seltsam. Er passt nicht zu ihm. Aber er sagt das Wort gern. Es ist das einzige, das er in einer ihm fremden Welt für sich entdeckt hat und nun wie einen kleinen Schatz vor sich her trägt.

Romy Herzog sieht zufrieden aus. In ihrem schmalen Gesicht scheint alles zum Strahlen angelegt: die großen Augen, die fein gezeichneten, vollen Lippen, die makellosen Zähne. Die 31jährige betreut das Kinderbuch-Sortiment. Sie sagt, es sei ihr Herzenskind. An diesem Montag ist der Tisch ziemlich geplündert. Am Wochenende ist Kinderbuch-Zeit. Großeltern schlendern mit ihren Enkeln Unter den Linden entlang, spendieren ihnen ein Eis und was gutes zum Lesen. Der geschäftsreisende Papa greift in Sonntagslaune noch flugs nach einem Mitbringsel.

Romy Herzog wird oft gefragt, wo man die Mauer noch sehen kann und wo der Führerbunker ist. Manchmal wollen Kunden wissen, ob sie in Ost – oder Westberlin geboren ist. Dann erzählt sie, dass sie in Thüringen aufgewachsen ist, in der DDR. Romy Herzog hat einen vierjährigen Sohn. Nach der Elternzeit wollte die Buchhandlung, in der sie bis dahin gearbeitet hatte, sie nicht weiter beschäftigen. Per Annonce suchte sie eine Teilzeitstelle. Sie erinnert sich an den Anruf von Wieland Giebel: „Er sagte: ‚Sie sind doch sicher Mutter. Wir können Sie gut gebrauchen.“ Nachdem sie ein halbes Jahr Teilzeit gearbeitet hatte, entschloss sich Romy Herzog, wieder voll in ihren Beruf einzusteigen. „Es ist das beste Team, in dem ich je war.“

Über ihre Arbeit an dem Mauerbuch für Kinder spricht sie nicht so gern. Es sei doch maßlos übertrieben, dass sie es lektoriert habe. Lediglich an der Gestaltung habe sie ein bisschen mitgearbeitet. „Die Mauer ist ein schwieriges Thema, gerade für Kinder“, sagt sie. „Dass mir in dem Buch etwas fehlte, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich aus der DDR komme. Wenn man die Bücher heute anschaut, ist alles grau, aber meine Erinnerung ist bunt. Ich möchte nicht in Ostalgie fallen, aber auch nicht alles schlecht reden. Ich möchte, dass diese Zeit realistisch dargestellt wird.“

Der Band „Die Mauer war immer ein Schnitt in meinem Herzen“ ist eins von drei Kinderbüchern des Autorenpaares Magdalena und Gunnar Schupelius. Gunnar Schupelius ist Kolumnist und Reporter der Berliner Boulevardzeitung BZ. Vor einer Wand mit dem Memo-Spiel DDR, dem DDR-Quiz und dem DDR-Puzzle, dem Bastelbogen „King of Kebab“ und den „Berlintussen“ zum Ausschneiden und Anziehen, liegen die drei Neuerscheinungen auf einer Palette, je vier kniehohe Stapel der rot gebundenen Luise-Biografie und der blauen Friedrich-Biografie. Auf der anderen Seite acht Stapel des Mauerbuches. „Die Sache mit dem Pioniergeburtstag zum Beispiel.“ Herzog blättert auf Seite 46. „Ich wollte dieses Foto von einem Pioniergeburtstag einfügen, damit klar ist, dass das eine Massenveranstaltung war und nicht eine Geburtstagsfeier, wie die Kinder sie heute kennen.“ Auf Anregung der Kinderbuchhändlerin wurden ein Vorwort und weitere Fotos hinzugefügt und die Illustrationen mit Sprechblasen versehen. Herzog empfahl, den Kindern in einem Infokasten zu sagen, dass man den Luftbrücke-Flughafen Gatow und die Mauergedenkstätte heute noch anschauen kann. „Kinder gehen doch gern auf Entdeckungsreise.“

Im Café der Berlinstory sitzt die Buchhändlerin Antje Werner vor ihrem Laptop. Antje Werner ist 46 Jahre alt, eine zierliche Frau mit Friesellocken. Sie sieht zufrieden aus. Sie hat gerade eine Woche Urlaub in Barcelona hinter sich. In der Berlinstory betreut sie die Sortimente Architektur, regionale Bezirke, das moderne Antiquariat und die Kollektion Buddybären. Heute ist ihr freier Tag, aber sie ist trotzdem gekommen. Sie arbeitet an einem Taschenkalender für 2011. Sie schloss dafür einen Autorenvertrag mit dem Verlag Berlinstory. Wie hoch die Provision ist, die sie pro verkauftes Exemplar erhält, hat sie vergessen. Es sei ihr nicht wichtig. Und ob sie die Überstunden, die sie für den Kalender macht, je abfeiern wird, weiß sie auch noch nicht. Die Arbeit an dem Kalender mache ihr einfach Spaß.

Buchhändlerinnen als Autorin und Lektorin, der Praktikant Arthur aus Hongkong als Übersetzer des Mauer-Buches ins Kantonesische, die zwei Mitarbeiterinnen des Salons, die selbst auch auf der Bühne stehen – was stimmt nicht mit diesem Wieland Giebel, der ausgebildete Buchhändlerinnen fest anstellt, sie auch noch nach Tarif bezahlt und offenbar keine größere Sorge hat, als dass sie sich langweilen könnten?

Giebel sagt, er möge eben gern zufriedene Menschen um sich. Aber würden das nicht auch die vielen Ladeninhaber sagen, die qualifizierte Buchhändler aus Kostengründen durch studentische Hilfskräfte ersetzen? Obwohl in Deutschland kein Buchhandelssterben zu beobachten ist, und sich die Umsätze, zumindest in den vergangenen drei Jahren, auf einem stabilen Niveau halten, nimmt die Zahl der Beschäftigten kontinuierlich ab. Es mag an den gestiegenen Kosten liegen, die nicht mehr vom laufenden Umsatz gedeckt werden können. Vielleicht reizt viele Buchhändler aber auch nur die Einsparung, die durch den Einsatz von 400-Euro-Kräften möglich wird.

An Giebel bewahrheitet sich eine buddhistische Weisheit. Er hat gefunden, was er niemals suchte. Als er einmal eine Ausstellung der Gesellschaft historisches Berlin betreute, deren stellvertretender Vorsitzender er damals war, verkaufte er dort einige Bücher und stellte verwundert fest, dass ihm das Spaß macht. „Das habe ich mir als protestantischer Maoist niemals vorstellen können, dass ich eines Tages etwas verkaufe, Sachen verhökere, unter die Händler gehe, die Jesus aus dem Tempel getrieben hat.“ So kam es 1997 zur Gründung der Buchhandlung Berlinstory. Giebel ist kein Buchhändler. Er hat kein Problem mit dem „Non-Book“, jenem Bereich, der von vielen in der Branche naserümpfend abgelehnt wird: Filme und CDs, auch die Luise-Büsten und Trabis gehören dazu. „Ich habe keine Angst vor Schneekugeln und T-Shirts“, sagt er. Mit dem Non-Book-Bereich bestreitet Giebel die Hälfte seines Umsatzes.

Dieser ganze Touristen-Kram, die ständigen Neuerscheinungen seines Verlages, unter denen sich wirkliche Kleinode finden, neben Flops, die scheinbar unendliche Themenvielfalt der Stadt spiegelt seine Biografie, sein Leben, seine Suche. Der Jurist Giebel arbeitete sechs Jahre als Lagerarbeiter „um die Arbeiterklasse zu mobilisieren“, arbeitete ein Jahr mit Jugendlichen in Nordirland, entwickelte ein landwirtschaftliches Projekt in Ruanda und studierte dafür Ökotrophologie, er schulte sich nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zum Experten für Niedrigstrahlungen, engagierte sich in der Umweltbewegung, berichtete für das europäische Parlament über die zerstörte Natur in der DDR, gründete den Verlag Elefantenpress, wurde Historiker.

Giebel ist neugierig und weltoffen. Ein bisschen Glück hat er auch. Berlin boomt. Die Zahl der Touristen steigt weiter an. Unter den Linden hat Giebel den Ort gefunden, an dem er sich entspannt in den Yogi-Sitz begeben kann, ein gemütliches Om im Bauch, während Romy Herzog Kinderbücher durch kluge Anmerkungen verbessert und sein Hersteller Norman Bösch die Autoren Berlins mit seiner unkomplizierten Art bezaubert, während die Umsätze in der Lade der freundlichen Kassiererin klingeln -6,8 Prozent Steigerung im letzten Jahr-. Der Exot Giebel wird von den Berliner Buchhändlern mit Respekt bedacht. Wieland Giebel freut sich darüber, aber ein bisschen muss er sich auch rechtfertigen, er kann nicht anders. „Verkaufen hat ja auch damit zu tun, andere zu bereichern.“

Am 28. Juni erhielt das Unternehmen Berlinstory den Preis „Ausgewählter Ort im Land der Ideen.“